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Inklusion in Flensburg : Behindertsein kostet extra

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der zehnjährige Mads aus Flensburg kam mit dem Down-Syndrom zur Welt. Seine Betreuung am Nachmittag ist deutlich teurer als die seiner Zwillingsschwester Stine – die Stadt Flensburg will nun die Gebühren angleichen.

Die Sösemanns hätten es sich auch leichter machen können. Besuchte Mads eine Förderschule, ließen die Eltern ihren Sohn morgens mit einem Bus abholen und bekämen ihn am Nachmittag zurück. Der Service würde sie etwas mehr als 100 Euro im Monat kosten und das Mittagessen, skizziert Vater Fabian. Der 38-Jährige und seine Frau Lone haben sich jedoch bewusst für die Waldschule entschieden für ihren Jungen mit Trisomie 21 ebenso wie für seine Zwillingsschwester Stine. Gerade Kinder mit Down-Syndrom lernten durch Imitation von Kindern ohne, erklärt Mutter Lone (41) und dass Mads von einem „Zugpferd“ nur profitieren könne.

Am Nachmittag wechseln die zweieiigen Zwillinge, die in diesem Monat zehnten Geburtstag feiern werden, in den Hort der städtischen Kindertagesstätte in der Stuhrsallee, die früher auch ihr Kindergarten war. Während Stine selbstständig mit dem Roller oder mit dem Bus nach der Schule hinfahre, hole die heilpädagogische Assistentin Mads ab, begleite ihn im Bus zum Hort, wo sie sich um mehrere Kinder kümmert.

Für die nachmittägliche Betreuung zweier Schulkinder ohne Behinderung würden Eltern zunächst 138 Euro, weitere 96 Euro für das erste Geschwisterkind sowie je 40 Euro für Speis und Trank – insgesamt also 314 Euro monatlich bezahlen, rechnet die 41-Jährige vor. Mittels Modellprojekt sei seinerzeit die heilpädagogische Assistenz für Mads und drei andere Kinder im Kindergarten geregelt und bezahlt worden, ergänzt Fabian Sösemann. Seit jeher werden in der Stuhrsallee Kinder mit Behinderung betreut, weiß Horst Bendixen. Der Fachbereichsleiter für Jugend, Soziales und Gesundheit erläutert, dass pauschal für jedes der vier Kinder pro Tag eine Stunde extra an Betreuungsbedarf angenommen worden sei. Und auf Grundlage dieser 20 Stunden in der Woche sei die Assistenz-Stelle berechnet (und gewährt) worden.

Die Bezahlung des Horts jedoch wurde mit der Einschulung zum Problem, als die zusätzliche Betreuung für Mads mit monatlich 380 Euro in Rechnung gestellt worden sei, berichtet Lone Sösemann. Für diese Zusatzleistung sei ein Sozialhilfeantrag auszufüllen und würden das Einkommen wie auch das Vermögen angerechnet, erklärt sie. Würden die berechneten Kosten von nun rund 700 Euro im Monat fällig, müsste entweder die Krankenschwester auf der Intensiv-Station im St. Franziskus-Hospital oder der angehende Sport- und Physik-Lehrer die Berufstätigkeit einstellen. Doch legen die Eltern seit zwei Jahren mit Hilfe einer Anwältin vor dem Sozialgericht Widerspruch gegen die Kostenforderungen ein. Die beliefen sich inzwischen auf rund 4000 Euro. Sonst müsse sich niemand „nackig machen“, wenn es um die Hort-Betreuung eines Kindes geht, kritisiert Lone Sösemann das Vorgehen im Vergleich und betont, dass es ihr um Gerechtigkeit gehe, nicht um einen Einzelfall. „Es gibt keine Regel, wie es nach dem Mittagsessen läuft“, sagt Fabian Sösemann und erinnert sich an einen Artikel mit der Überschrift: „Inklusion endet am Mittagstisch.“ Eine Lösung sei schwierig und aus Sicht der verständnisvollen Eltern zudem nachvollziehbar, dass die Behörden lediglich den Gesetzen folgten und Sorge hätten, einen Präzedenzfall zu schaffen. Lone Sösemann resümiert: „Die Gesetze hinken dem Inklusionsgedanken meilenweit hinterher.“

Natürlich ist auch Horst Bendixen die Lücke bekannt, das Dilemma zwischen Eingliederungshilfe und Jugendhilfe. Keineswegs zufällig werde daher seit Wochen im Rathaus sowie bei anderen Städten und im Städteverband zum Thema recherchiert und eine „klare Linie“ gesucht. „Das Ergebnis ist weiterhin diffus“, muss Bendixen einräumen. Deshalb habe die Flensburger Verwaltung sich just am Dienstag auf einen eigenen Weg geeinigt, und zwar in Ableitung des Inklusionsgedanken ein Ermessen anzulegen. Das bedeute, bisherige Kostenforderungen für Kinder mit Behinderung werden an eine „normale Hort-Betreuung“ angeglichen.

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erstellt am 05.Sep.2013 | 07:17 Uhr

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