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Auslöser bei Schleswiger Wikingertagen : Rechtsextreme und der Wikingerkult: Hakenkreuz-Schild war kein Einzelfall

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Experten diskutieren, warum Feste wie die Schleswiger Wikingertage immer wieder Rechtsextreme anlocken.

von
erstellt am 11.Okt.2017 | 14:16 Uhr

Ein Schaukämpfer mit einem achtspeichigen Hakenkreuz auf seinem Schild hatte die Schleswiger Wikingertage im vergangenen Jahr in Verruf gebracht. Das slawische Sonnensymbol wird auch von Angehörigen der Neonazi-Szene verwendet. „Leider ist das kein Einzelfall“, sagt Torsten Nagel vom Regionalen Beratungsteam gegen Rechtsextremismus der Arbeiterwohlfahrt (Awo) aus Flensburg. Egal ob Rituale, Runen, Kleidung oder Musik – Wikingermotive und -mythen dienten Rechtsextremen als Fundamente der Identitätsbildung. Die Awo hat den Vorfall bei den Wikingertagen zum Anlass genommen, in Zusammenarbeit mit dem Archäologischen Landesamt und dem Landesbeauftragten für politische Bildung eine Fachtagung zu veranstalten. Zwei Tage lang diskutierten rund 100 Teilnehmer mit 20 Referenten in der Akademie Sankelmark unter dem Titel „Odin mit uns!“ über Wikingerkult und Rechtsextremismus.

Die Schaukämpfe in der Arena am Luisenbad gehören in jedem Jahr zu den Höhepunkten der Wikingertage. Der mit einem roten Kreis markierte Kämpfer trug den Schild, der nun Kritik auf sich zieht.
Die Schaukämpfe in der Arena am Luisenbad gehören in jedem Jahr zu den Höhepunkten der Wikingertage. Der mit einem roten Kreis markierte Kämpfer trug den Schild, der nun Kritik auf sich zieht. Foto: Ove Jensen
 

Nun seien sogenannte Reenactment-Gruppen, die geschichtliche Ereignisse nachstellen, meist nicht das Problem an sich, erklärt der Sozialpädagoge und Rechtsextremismus-Experte Jan Raabe zum Abschluss der Tagung. Vielfach sei einfach nur Naivität im Spiel. Aber solche Gruppen zögen ein entsprechendes Publikum an. „Auch bei den diesjährigen Wikingertagen haben wir viele Rechtsextreme gesehen“, ergänzt Nagel und verweist auf Besucher in Thor-Steinar-Kleidung oder mit entsprechenden Tätowierungen. So würden zum Beispiel sogenannte Schwarze Sonnen, die nicht verboten sind, von Rechtsextremen als Ersatzsymbole getragen.

Raabe hat zu Volksfesten wie den Wikingertagen eine zwiespältige Haltung. Einerseits sei offenkundig, dass vieles jenseits der historischen Authentizität inszeniert sei. „Ich finde Wikinger mit Hörnern fast schon sympathisch“, sagt er. Aber dann sei er erschrocken gewesen, als er über das Gelände gegangen sei und unvermittelt auf eine sogenannte Irminsul gestoßen sei. Dieses Symbol geht zwar auf ein frühmittelalterliches Heiligtum der Germanen zurück, spielte dann aber bei neuheidnischen Gruppen innerhalb des Nationalsozialismus eine wichtige Rolle und findet heute bei Neonazis Verwendung. Raabe: „Da wünsche ich mir mehr Sensibilität und Erklärung.“

Ulf Ickerodt, stellvertretender Leiter des Archäologischen Landesamtes in Schleswig, ist sich bewusst, dass die Wikinger „ein schönes Tourismuslabel“ für die Region Schleswig darstellten. Umso wichtiger sei es jedoch, ein Qualitätsmanagement zu entwickeln, um auch den Darstellern der Wikingertage deutlich machen zu können, auf welche Symbole man lieber verzichtet.

<p>Zwei Schauspieler posieren im Wikinger-Museum Haithabu. Schleswig wirbt für sich selbst als „Wikingerstadt“.</p>

Zwei Schauspieler posieren im Wikinger-Museum Haithabu. Schleswig wirbt für sich selbst als „Wikingerstadt“.

Foto: dpa
 

Auch wenn es sich bei dem jährlich stattfindenden Volksfest um eine kommerzielle Veranstaltung handele, müsse man sich möglicher Auswirkungen bewusst sein. Schließlich wolle das benachbarte Haithabu am gegenüberliegenden Ufer der Schlei Weltkulturerbe werden. „Deswegen dürfen wir die Marke Wikinger nicht beschädigen“, so Ickerodt.

Das ist ganz im Sinne von Ute Drews, der Leiterin des Haithabu-Museums, die zu den Referenten der Sankelmarker Tagung zählte. „Es ist wichtig, über die Symbolik aufzuklären“, betont sie. Das entsprechende Bewusstsein zu schaffen, das ist auch das Ziel von Torsten Nagel. Er stellt zugleich klar: „Ich will Schleswig nicht die Wikingertage wegnehmen.“ Aber wichtig sei eine Beratung über die Hintergründe. Und deswegen wolle er die beiden Veranstalter der Wikingertage, die urlaubsbedingt nicht an der Fachtagung hätten teilnehmen können, kontaktieren und ihnen über die Ergebnisse berichten. Und auch den Leiter des Schleswiger Stadtmarketings wolle er mit ins Boot holen. Schließlich gilt der als einer der Väter des Labels „Wikingerstadt Schleswig“.

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