Natur in Flensburg : Baumsterben auf Raten

Westlich der Adelbyer Kirche will der Holländerhof ein Wohnheim für Ältere bauen. Ersatzpflanzungen erlaubte die Stadt nicht im Umland, sondern nur im Stadtgebiet
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Westlich der Adelbyer Kirche will der Holländerhof ein Wohnheim für Ältere bauen. Ersatzpflanzungen erlaubte die Stadt nicht im Umland, sondern nur im Stadtgebiet

Jährlich werden in Flensburg 235 große Bäume gefällt / Ersatzpflanzungen öffentlich nicht nachvollziehbar

shz.de von
27. März 2017, 06:48 Uhr

Das Beruhigende vorweg: Es gibt sie nicht, sehr wahrscheinlich nicht, jene abgelegene Brache am Stadtrand, auf der all die kümmerlichen dünnen Bäumchen stehen, die als Ersatz für ihre gefällten großen Genossen gepflanzt werden müssen. Wenn, wie stets im März, die Motorsägen röhren und die ersten Bäume fallen, steht der weitere Verlauf meist fest. Flensburgs Baumschutzsatzung schreibt ab einem Stammumfang von 80 Zentimetern Ersatzpflanzungen vor. Das beruhigt aber nur bedingt. Weil im verdichteten städtischen Raum immer mehr Rohre und Kabel verlegt werden, wird dieser Bereich zunehmend lebensfeindlich für Bäume. Da bleiben am Ende nur noch Pflanzkübel.

Dass ein Baum steht und nicht liegt, soll in Flensburg eigentlich der Regelfall sein. Deshalb ist es im amtlichen Sprachgebrauch eine Ausnahmegenehmigung, wenn ein Baum fallen soll. Im vergangenen Jahr kam da einiges zusammen. Flensburgs Pressestelle kommt auf 235 dieser Ausnahmegenehmigungen (inklusive besonders dicker Äste in der Baumpflege) – eine Zahl, die sich über die Jahre als Durchschnittswert gefestigt hat, so Verwaltungssprecher Clemens Teschendorf. Das klingt überschaubar, aber allein in den vergangenen zehn Jahren sind damit schon über 2000 große Bäume aus dem Stadtbild verschwunden, deren Nachfolger ein paar Jahrzehnte fürs Nachwachsen benötigen.

Und längst nicht in jedem Fall verlangt die Baumschutzsatzung Ersatz. Gefahrenabwehr wegen Erkrankung, zu dicht stehende Bäume, unter Denkmalschutz stehende Bäume brauchen beispielsweise nicht ersetzt werden. So stehen den 235 Fällungen des letzten Jahres auch nur 157 Ersatzpflanzungen gegenüber. Es gab mal Zeiten, in denen der Ersatzbaum ganz in der Nähe gepflanzt werden musste. Von diesem Prinzip, so Teschendorf, habe man sich verabschiedet. „Der räumliche Zusammenhang einer Ersatzpflanzung wurde in früheren Zeiten durch die Politik aufgehoben“, sagt er. „Seither können Ersatzpflanzungen im gesamten Stadtgebiet mit Erlaubnis des jeweiligen Grundstückeigentümers erfolgen.“

Im flankierenden Datenschutz verliert sich dann aber die Spur so manch eines jungen Bäumchens. Wenn Privatbäume fallen, vereinbaren der Grundstückseigentümer und die Stadt zwar den Ersatz, wo der aber künftig wächst und grünt, ist streng geheim. Immerhin: Die Stadt kontrolliert, ob der Baumfäller seinen Verpflichtungen auch nachgekommen und der neue Baum ordentlich angewachsen ist. Die Stadt selbst stellt keine Flächen zur Verfügung, weil sie sonst für den Unterhalt zuständig wäre. Geradezu vorbildlich handhabt das heikle Thema der Selbsthilfe-Bauverein, der 2015/2016 im Zuge des Stadtteilumbaus in Fruerlund 22 Bäume fällte und 24 Bäume pflanzte. Die „Neuen“ sind in einem Kataster aufgeführt.

Langfristig sieht der Naturschutz die prägenden Stadtbäume aber eher auf dem Rückzug. Flensburgs Naturschutzbeauftragter Jürgen-Uwe Maßheimer fürchtet, dass es mit dem unterirdischen Ausbau moderner Netze – Kanalisation, Glasfaser, Fernwärme – im normalen Straßenbild immer weniger geeignete Flächen für große Bäume geben wird. Auch hier liefert Fruerlund ein Beispiel – diesmal ein warnendes: Hier musste das TBZ große, den Stadtteil prägende Bäume wegnehmen, deren Wurzeln sich nicht mit der Kanalisation vertrugen. Im Zweifel weicht dann halt eher der Baum und nicht das Rohr.

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