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Flensburger Architektur : Baukulturen im friedlichen Wettstreit

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der nächste Teil unserer Serie „Flensburger Häuser“ zeigt deutsche und dänische Gebäude in der städtischen Architektur.

Flensburg | Im Juni erschien ein neuer, kompakter Architekturführer für die Stadt Flensburg, der auf 170 Seiten einen Überblick vermittelt, was die Stadt an herausragenden Bauwerken und Kulturdenkmälern vorweisen kann. Die beiden Autoren Henrik Gram und Eiko Wenzel haben mit den Augen von Architekten und Denkmalpflegern die Objekte ausgewählt und beschrieben, die nach ihrer Meinung die Baukultur in der Fördestadt prägen. Eiko Wenzel gibt in einer Serie im Flensburger Tageblatt einen Überblick über den Inhalt dieses neuen Buches.


1920 war ein besonderes Schicksalsjahr für das alte Herzogtum Schleswig. Die Volksabstimmung führte zu einer Teilung, die beiderseits der Trennlinie Mehr- und Minderheiten erzeugte. In Flensburg, das nun Grenzstadt geworden war, mussten dänische Träume begraben werden, dass die Stadt wieder wie vor 1864 dänisch werden könne. Beide Bevölkerungsteile mussten sich mit der neuen Situation zurechtfinden. Eine Folge war auch ein friedlicher Wettstreit um die „bessere“ Baukultur.

Die dänische Minderheit schuf sich ein Kulturzentrum im alten Waisenhaus an der Norderstraße. Dies war 1725 aus Steinen der alten Festung Duburg errichtet worden. Der dänische König Frederik IV, dessen Spiegelmonogramm sich noch heute über dem Portal befindet, hatte die Initiative zum Bau durch die Stiftung von Klosterformatsteinen von der verfallenden Duburg unterstützt. Bevor der Bau 1920 vom dänischen Verein Grænseforeningen übernommen wurde, hatte er eine wechselvolle Geschichte als Zucht- und Arbeitshaus, als preußische Kaserne und als Hotel. Seit 1921 ist er als Flensborghus kulturelles Zentrum der dänischen Minderheit und wurde schrittweise wieder hergestellt.

Der deutschen Bevölkerungsmehrheit fehlte nach 1920 ein ebenbürtiges Kulturhaus. Aber das Deutsche Reich sollte der Stadt helfen, ein großes Kulturhaus zu verwirklichen. Der „Reichsdank für deutsche Treue“ betrug eine Million Reichsmark, mit dem sich Berlin am Bau des Deutschen Hauses beteiligte. Der Neubau, der von Magistratsbaurat Paul Ziegler und Stadtarchitekt Theodor Rieve geplant wurde, vereinigt verschiedene Architekturtendenzen. Die ursprüngliche Planung sah ein Walmdachgebäude im Stil der Heimatschutzarchitektur vor. Durch den Einfluss des Fördergebers in Berlin sollte es aber ein modernes Flachdach erhalten. Typisch sind die expressionistischen Formen des Deutschen Hauses: Überall finden sich Dreieck- und Rautenmotive. Dieses expressionistische Formengut ist typisch für die deutsche Architektur der 1920er Jahre, fehlt dagegen in der gleichzeitigen dänischen Architektur völlig.

Wie die zeitgemäße dänische Architektur aussah, zeigt am besten der Neubau der Duborg-Skolen, der ab 1922 auf Duburg nach der Planung von Architekt Andreas Dall entstand. Im Gegensatz zur deutschen Architektur gibt es auf dänischer Seite eine bruchlose Weiterführung des „Bedre Byggeskik“, der dänischen Variante des Heimatschutzstils. Dall verarbeitet in seinem Entwurf bauhistorische Zitate zu einem Gesamtkunstwerk, als wolle er den Schülerinnen und Schülern die reiche baukulturelle Tradition Dänemarks und Europas mit pädagogischem Anspruch vor Augen führen. Zur Bürgerstadt hat der Bau ein Bürgerhausgiebel-Zitat, zum Hof eine toskanische Arkadenloggia, auf dem Dach thront ein kleiner Rundtempel als Dachreiter.

In bewusster Konkurrenz zu diesem Vorzeigestück entstand ab 1928 südlich davon am Schlosswall nach der Planung von Ziegler und Rieve der Bau der Handelslehranstalt. Das Bürgerhaus-Giebelmotiv tritt auch hier auf, allerdings verdreifacht. Ansonsten ist beiden Bauten nur gemeinsam, dass sie die aktuelle Baukultur auf allerhöchstem Niveau an prominenter Stelle im Stadtbild zeigen. Geradezu avantgardistisch ist die expressionistische Ausmalung der Treppenhalle in der Handelslehranstalt, die seit 2013 auf gemeinsamer Initiative von Schule, Denkmalpflege und städtischer Hochbauverwaltung nach Befunden und Fotografien wieder hergestellt wird. Mit erheblichem Aufwand wird dank des Engagements des A.-P.-Møller-Fonds ab 2015 auch die Duborg-Skolen instand gesetzt.

 

Henrik Gram/Eiko Wenzel, Zeitzeichen. Architektur in Flensburg, hrsg. von der Architekten- und Ingenieurkammer Schleswig-Holstein, dem Landesamt für Denkmalpflege Schleswig-Holstein, der Stadt Flensburg und dem Verein Flensburger Baukultur e.V., erschienen im Verlagshaus Leupelt, Handewitt, 2015, ISBN 978-3-943582-11-6, 14,80 €.







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erstellt am 03.Sep.2015 | 16:00 Uhr

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