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150 Jahre Flensburger Tageblatt : Baracke – das Zuhause für Flüchtlinge

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

1958 waren deutlich weniger Notunterkünfte in der Stadt geräumt als erwartet.

shz.de von
erstellt am 30.Aug.2015 | 14:00 Uhr

Flensburg | Eigentlich, so dachten die Flensburger Stadtväter, hätten die vielen Baracken in der Stadt viel schneller leer sein sollen. Doch 1958 waren noch immer viel mehr der Notunterkünfte bewohnt als angenommen. Uwe Carstens schildert im Buch „Mai ’45“ als Ursachen: „Viele wollten die Lager nicht verlassen, Sie hatten sich eingerichtet – die Räume zum Teil bemerkenswert liebevoll gestaltet – und die Miete war niedrig.“

Mit dem Schiff, per Bahn oder auch mit dem Treck waren in den Jahren zuvor fast täglich Flüchtlinge in der Fördestadt eingetroffen. Je schneller die Transporte kamen, desto häufiger wurde die Kette aus Aufnahme und Verteilung gestört. Im Februar 1944 hatte Flensburg noch 59  500 Einwohner, Ende Juli 1945 102  000 Einwohner.

Vielen Flüchtlingen wurde Wohnraum in den Barackenlagern zugewiesen, die vor und im Krieg für das Militär aus dem Boden gestampft worden waren. Dazu kamen Einweisungen in die leer stehenden Kasernen und in viele Schulen. Auf wenig Gegenliebe bei der Bevölkerung stieß die Einweisung in die Wohnungen. Im Juli 1945 wurde der Zuzug nach Flensburg untersagt.

„Es war sehr eng im Lager“, ist die prägendste Erinnerung von Pastor Siegfried Wasse an seine Zeit im Flüchtlingslager Kielseng. Wasse kam 1946 mit seiner Frau und seiner damals dreijährigen Tochter aus Stettin nach Flensburg. „Wir wohnten zusammen mit 22 Personen auf 24 Quadratmetern. Zwei mussten zusammen in einem Bett schlafen.“

Als Heizung und zum Kochen benutzten die Flüchtlinge einen Kanonenofen. „Das Holz war aber immer knapp. Abends gingen die Männer in den Volkspark, um Äste und Zweige zu sammeln. Kohle gab es kaum.“

Das warme Essen kam aus einer Gemeinschaftsküche für das ganze Lager. „Der Barackenwart holte es gemeinsam mit einigen Männern in großen Kübeln. Auf dem Flur bekam jede Familie einen Schlag Verpflegung in ihr Essgeschirr“, erinnert sich Pastor Wasse. „Es gab meistens Kohlrüben. Beim Essen knirschte oft noch Sand zwischen den Zähnen.“

Pastor Wasse betreute gemeinsam mit seiner Frau Kinder und Jugendliche im Lager Kielseng. Er schilderte: „Einmal sind wir mit 250 Kindern nach Glücksburg zu einer Adventsfeier eingeladen worden. Wir fuhren mit der ,Libelle' hin und wollten auch so zurück. Das Schiff konnte aber nicht mehr an der Anlegebrücke festmachen, da inzwischen zu viele Bohlen fehlten, die sich Familien zum Heizen holten. Deshalb mussten wir den ganzen Weg zu Fuß zurücklegen.“

Später zog Pastor Wasse mit seiner Familie ins Heinz-Krey-Lager um. „Hier war die Verpflegung besser. Außerdem hatten wir mehr Raum. Wir wohnten mit drei Personen auf neun Quadratmetern. Es war eine Wohltat.“

Die Umsiedlung von Flüchtlingen in andere Bundesländer, in denen mehr Aussicht auf Arbeit bestand, brachte Entlastung. Fast so schnell, wie der Großstadt-Status mit der Zahl von 100  000 Einwohnern gekommen war, war er auch wieder verloren.

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