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Grenzkontrollen in Schweden : Bahnhof in Flensburg: Die große Ratlosigkeit

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Reisebusse in Richtung Dänemark warten, doch niemand steigt ein. Die Flüchtlinge kehren Schweden teilweise wieder den Rücken.

shz.de von
erstellt am 13.Nov.2015 | 11:00 Uhr

Große Medienpräsenz rund um den Flensburger Bahnhof. Spannende Frage, die gestern früh alle bewegte: Wie werden die Transitflüchtlinge mit der Information umgehen, dass an der schwedischen Grenze wieder Kontrollen durchgeführt werden? Kommt es jetzt zum großen Rückstau? Erschöpfende Antworten darauf gibt es nicht. Es bleiben Verunsicherung und Ratlosigkeit.

Eine Teilantwort liefert allerdings die Tatsache, dass vor dem Bahnhofsgebäude drei dänische Busse stehen – auf Abruf. Sie könnten insgesamt fast 200 Passagiere transportieren. Ziel: Fredericia. Doch niemand steigt ein. Um halb elf fährt der letzte Bus über die dänische Grenze, er ist mit lediglich 40 Personen belegt. Das ist ungewöhnlich. In den letzten Wochen blieb kein Platz unbesetzt.

Zwei Busfahrer aus dem Nachbarland plaudern locker mit einigen Asylsuchenden, die mit einer Tasse Kaffee in der Hand auf einer Bank sitzen und der Dinge harren, die da kommen sollen. Sie wissen nicht, was die nächsten Stunden und Tage bringen werden – genauso wenig wie der Chauffeur. „Heute bleibt der Bus wohl leer“, orakelt er. Doch er habe Anweisung, die Stellung zu halten. „Also warten wir“, sagt er leichthin.

Im Bahnhof haben sich etwa 50 Flüchtlinge eingefunden. Überwiegend Menschen aus Afghanistan, Syrer sind kaum dabei. Die Atmosphäre wirkt entspannt. Einige stehen in Gruppen zusammen und diskutieren leise, andere bedienen sich am Buffet. Übersetzerin Inas El-Hachache ist eine gefragte Gesprächspartnerin. „Es ist unsere Aufgabe, die Leute nach Schweden zu lotsen“, sagen sie und Nicolas Jähring von Refugees Welcome, „doch im Moment tun wir uns schwer, ihnen zuzuraten.“

Die Flüchtlingshelfer scheuen sich davor, Empfehlungen aussprechen. „Ob sie reisen oder hier bleiben wollen, müssen sie selbst entscheiden.“ Vorrangige Aufgabe sei es, über die aktuelle politische Lage zu informieren. Doch es gibt Widersprüche. Einerseits heißt es, an der schwedischen Grenze seien ab sofort Reisepass oder ein gleichwertiges Dokument vorzulegen, andererseits aber soll es weiterhin möglich sein, einzureisen und Asylanträge zu stellen. Auch ohne Papiere? Ist die Ankündigung von Minister Anders Ygemann schlicht als verbale Abschreckung gedacht? „Es kann sein, wir wissen es nicht“, sagen die Helfer. Was sie wissen: „Es ist kalt dort, die Situation angespannt.“

Und in Dänemark? „Erhöhte Polizeibereitschaft“, sagt Jähring knapp. Es sei möglich, dass die Reise durch Kontrollen bereits in Fredericia zu Ende sei – der Zug nach Kopenhagen wäre somit perdu. Aber auch das sei nicht gesichert. Sicher scheint indes, dass viele Geflohene von Schweden wieder nach Dänemark zurück gespült werden. Aber: „Die dänische Polizei lässt sich nicht in die Karten gucken.“

Derweil zeigt die Bundespolizei am Bahnhof unverändert Präsenz. „Wir beobachten sehr genau die Bewegungen in den Nachbarstaaten“, sagt Sprecher Hanspeter Schwartz. Man sei auf eine Lageveränderung jederzeit eingestellt. Auch die Flüchtlingshelfer sind auf alle Eventualitäten vorbereitet, einen möglichen Rückstau inklusive. Das Improvisieren haben sie in den letzten zwei Monaten perfektioniert. „Wir können“, sagt Nicolas Jährich selbstbewusst, „jederzeit auf ein Netzwerk von 10  000 Menschen zurückgreifen.“

 

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