Backsteinhof mit Burgcharakter

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1909 begannen Planung und Bau des Burghofs / Ensemble ist bis heute fast im Original erhalten und Ziel vieler Stadtführungen

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07. Mai 2015, 19:14 Uhr

Am 15. Juni 1865 erschien die erste Ausgabe der Flensburger Nachrichten. Als Nachfolgezeitung begeht das Tageblatt den runden Geburtstag mit einer 150-teiligen historischen Serie – immer Dienstag, Donnerstag und Sonnabend im Tageblatt. Heute: das Jahr 1909.

Keine Stadtführung ohne Burghof – an dem Ensemble zwischen Toosbüystraße und Marienstraße führt kein Weg vorbei, man muss schon mitten hindurch gehen. Flensburg ist zwar die Stadt der Höfe, doch damit sind meist die Kaufmannshöfe rechts und links der Hauptachse in der Altstadt gemeint. Der Burghof indes kam viel später auf den Stadtplan – nur wenige Jahre, nachdem die Toosbüystraße angelegt worden war.

Und er war seinerzeit als backsteinerner Gegenentwurf zu den reich verschnörkelten, verzierten Gründerzeit-Fassaden der Toosbüystraße gemeint. Die gefiel in ihrer ganzen Pracht zwar vielen Flensburger Bürgern, die hier in Scharen einzogen und sich am neuen Großstadt-Flair ihrer Stadt begeisterten. Doch für andere Bauexperten war dieser Baustil ganz untypisch für die Region, zumal die meisten Häuser vorne hui, hinten pfui waren – also eine tolle Fassade, aber oft eine schäbige Rückseite hatten. Der Gegenentwurf zu Gründerzeit und Jugendstil hieß Heimatschutzstil und blieb bis in die 30er Jahre hinein prägend.

Im Vergleich zu heute waren die Häuser des Burghofs zwar auch verziert und die Fassaden strukturiert, zum Teil aufgelockert und aufwendig gestaltet. Doch sie wirken weit weniger verspielt als die der Jugendstil-Häuser an der Toosbüystraße um die Ecke. Geistiger Vater dieser Architektur war der damalige Stadtbau-Inspektor Paul Ziegler, der über 30 Jahre das öffentliche Bauen dieser Stadt prägte. 1905 wurde er Leiter zunächst der Baupolizei und wenig später des Hochbauamtes, das er bis 1939 leitete. In Zieglers Ägide fielen so wichtige und heute die Stadt immer noch prägende Gebäude wie die Auguste-Viktoria-Schule, die Goethe-Schule, die Handelslehranstalt am Schlosswall und – gewissermaßen als Spätwerk – das Deutsche Haus.

Anlass für den Bau des Burghofs war eine Baulücke auf dem Grundstück Toosbüystraße 11. Einen ersten Plan lehnte Ziegler als Leiter der Baupolizei ab. Und dann machte er sich selbst ans Werk und entwarf den Burghof, den Maurermeister August Fürböter mit seinen Leuten 1909 und 1920 in steinerne Wirklichkeit übertrug.

Das breite, viergeschossige Vorderhaus an der Toosbüystraße fügt sich auf den ersten Blick gut ein in das Gründerzeit-Ensemble, und erst beim genaueren Hinsehen fallen die Unterschiede auf, am deutlichsten durch das gewählte Baumaterial. Insgesamt besteht der Burghof aus sieben Mehrfamilienhäusern mit zusammen rund 60 Wohnungen. Balkone, Loggien, Türmchen und Erker verhindern eine Eintönigkeit in der Formensprache. Das Kopfsteinpflaster im Innenhof, der weitgehend autofrei ist, unterstreicht den besonderen Charakter des Hofes. Ein Relief mit Girlanden und Medusenhaupt erinnert durch seine Inschrift an den Architekten und den Baumeister.

Der Burghof kam in die Jahre, die Wohnungen wurden sanierungsbedürftig. In den Jahren 1987/88 wurde die Gesamtanlage aufwendig saniert; die runderneuerten Wohnungen waren damals eine gefragte Geldanlage. Das dicke Ende kam wenig später: Es wurde weitflächig Hausschwamm entdeckt, der mit Millionenaufwand saniert werden musste. Diese Kosten konnten einige der neuen Besitzer nicht tragen, es kam zu zahlreichen Verkäufen im Anschluss. Heute ist der Burghof wieder ein beliebtes Wohnquartier, nicht zuletzt für Studenten. Viele Jahre gab es im Vorderhaus an der Toosbüystraße das beliebte Studentenlokal „Pierot“, das aber mittlerweile ebenso geschlossen hat wie der „Alte Fritz“ am anderen Ende zur Marienstraße – eine klassische Bar, die nur kurz in Betrieb war.


Magistratsbaurat Paul Ziegler


Am 6. November 1905 wurde Paul Ziegler, geboren 1874 in Heidenheim an der Brenz, als Stadtbauinspektor bei der Stadt angestellt. Mit der Pensionierung des Stadtbaurates Otto Fielitz übernahm er die Leitung der Baupolizeiabteilung und des Hochbauamtes. Vor seiner Zeit in Flensburg wirkte er als Mitarbeiter des Marinebauamts Kiel unter der Leitung von Garnisons-Bauinspektor Adalbert Kelm an der Entwurfsplanung der Marineschule Mürwik (1904/1905) mit.

In vielen seiner Bauprojekte arbeitete er erfolgreich mit dem Stadtarchitekten Theodor Rieve zusammen. Neben Auguste-Viktoria-Schule (1910-1913), Handelslehranstalt Schlosswall (1928) und Goetheschule (1914-1919) steht Zieglers Name unter anderem auch für die Wohnbebauung Apenrader Straße 106-122 samt Tempelhof (1921-1922).

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