Europapreis der Universität Flensburg : Autor Carsten Jensen: Konfrontation mit Populisten suchen

Der dänische Schriftsteller Carsten Jensen verbindet die Auszeichnung gleich mit einen Appell an die Politiker in Europa.
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Der dänische Schriftsteller Carsten Jensen verbindet die Auszeichnung gleich mit einen Appell an die Politiker in Europa.

Kritische und engagierte Europäer sollen die neue Auszeichnung erhalten. Jensen ist der erster Preisträger.

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17. Mai 2018, 07:13 Uhr

Flensburg/Kopenhagen | Der bekannte dänische Schriftsteller Carsten Jensen („Wir Ertrunkenen“) appelliert an die Europäische Union, stärker gegen den erstarkenden Populismus vorzugehen. Die Furcht vor Populisten sei bei vielen Politikern in vielen europäischen Ländern verbreitet, sagte Jensen in Flensburg. Ihre Versuche, den Populismus zu stoppen seien jedoch katastrophal. Denn sie ahmten die Populisten nach, kopierten ihre Sprache und politischen Forderungen. „Aber das wird den Populismus nicht stoppen, sondern stärker machen.“ Der einzige Weg, Populisten zu stoppen sei, mit einer klaren Alternative in die Offensive zu gehen. „Es sind nicht die Fragen der Populisten, die falsch sind. Es sind ihre Antworten.“

Jensen erhält am Donnerstag (16 Uhr) in einer Feierstunde den mit 10.000 Euro dotierten Europapreis der Universität Flensburg. Die Hochschule würdigt mit dem erstmals verliehenen Preis den Grenzen überwindenden Humanismus in Jensens Werk und seine literarische Auseinandersetzung mit den desaströsen Folgen von Nationalismus und Militarismus. „Es ist ein sehr wichtiger Preis für mich und ich fühle mich sehr geehrt, ihn zu erhalten“, sagte Jensen. Er sei eine Anerkennung nicht nur seiner literarischen Arbeit, sondern auch seines Lebens als Intellektueller, der seine Stimme zu den Fragen unserer Zeit erhebe.

Schleswig-Holsteins Kulturministerin Karin Prien (CDU) betonte ebenfalls die Bedeutung des neuen Preises. Sie freue sich, dass an der Europa-Universität Flensburg künftig regelmäßig engagierte Menschen geehrt werden, die sich gleichermaßen kritisch und engagiert mit dem europäischen Traum auseinandersetzen. „Mit Carsten Jensen als erstem Preisträger ehrt die Jury einen kraftvollen Autor komplexer politischer Romane.“ Der vom Hochschulrat gestiftete Preis soll alle zwei Jahre verliehen werden.

In seinem aktuellen Antikriegsroman „Der erste Stein“ schildert der Autor, der auf der dänischen Insel Ærø nahe der deutsch-dänischen Grenze geboren wurde, anhand eines Zugs dänischer Soldaten in Afghanistan schonungslos die Grausamkeit, Sinnlosigkeit und Verrohung des Krieges. „Ich bin kein Pazifist“, sagt Jensen. Er denke, einige Kriege hätten ihre Berechtigung, etwa der „Krieg gegen Nazi-Deutschland. Aber Krieg, ob gerechtfertigt oder nicht, ist immer tragisch“. Daher seien Kriegsromane bis auf wenige Ausnahmen immer Antikriegsromane. „Weil sie die menschlichen Konsequenzen zeigen; nicht nur der zivilen Opfer, sondern auch die für die Soldaten selbst.“

Jensen kritisierte, dass in den EU-Ländern nur wenige Politiker das Projekt Europa enthusiastisch verteidigten. „Aber wenn es um die wirtschaftlichen Vorteile geht, liebt es jeder.“ Er forderte, das „gefährliche Spiel in demokratischen Belangen“ in Ländern wie Polen oder Ungarn zu stoppen. „Die Regeln der EU verhindern, dass wir diese Länder aus der Union rauswerfen.“ Seiner Ansicht nach würden Regierungen wie die in Ungarn aber in kürzester Zeit zusammenbrechen, wenn „jegliche wirtschaftliche Unterstützung“ gestoppt wird. „Wir dürfen keine Angst vor der Konfrontation haben. Populismus ist konfrontativ, und die Antwort kann nicht sein, zaghaft zu sein.“ Wenn die EU beginne, den Wohlfahrtsstaat enthusiastisch zu verteidigen und sich für Demokratie einsetzt, anstatt sie leise zu unterhöhlen, kann sich das Blatt wieder wenden und die EU ihre Popularität zurückgewinnen.

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