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Dreister Raub in Flensburg : Australierin auf Kinderwagen-Odyssee

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Esther Vida beklagt einen Diebstahl in ihrem Wohnhaus im Flensburger Norden – und mangelndes Einfühlungsvermögen der Polizei.

shz.de von
erstellt am 24.Dez.2013 | 11:50 Uhr

Flensburg | „Wieso bin ich zwei Mal Opfer geworden?“, fragt Esther Vida. Der Diebstahl ihres Kinderwagens, der für die Neu-Flensburgerin Mobilität bedeutet, macht sie fassungslos. Was die gebürtige Australierin erlebt, als sie Anzeige bei der Polizei erstatten will, gibt ihr den Rest.

Als ihr Mann morgens um viertel nach sieben vor einer Woche das Haus verlässt, „stand er noch da“, erzählt Esther Vida. Als die 39-jährige Mutter gegen 11 Uhr die Treppe hinuntergeht und im Flur in einer Nische nach dem Kinderwagen sieht, um mit ihrem sieben Monate alten Knirps Joshua loszuziehen, ist das schwedische Qualitätsmodell in Dunkelgrün weg. Samt kuschligem Lammfell und Schlafsack. Vida schätzt den Wert auf 1000 Euro.

„Ich stand neben mir“, sagt sie und versteht die Welt nicht: „Wer klaut einen Kinderwagen?“ Jedenfalls nicht ihre Nachbarn: In ihrem Haus wohnten nur ältere Leute, die meisten seit über 20 Jahren. „Man muss wissen, dass er da steht. Man muss klingeln oder einen Schlüssel haben, um ins Haus zu kommen“, erklärt sie die Umstände. Sie vergleicht den Norden Flensburgs mit ihrer Heimat: In Australien sei das so: „Arme Leute klauen nicht von armen Leuten.“

Vida, die Ende Oktober aus ihrer Heimat mit ihrem Mann, einem Bootsbauer aus Hamburg, nach Flensburg gezogen ist, klingelt bei sämtlichen Nachbarn. Eine Frau tröstet sie, von dort ruft Vida die Polizei an. Der Beamte schlägt vor, im ersten Polizeirevier vorbeizuschauen. „Ich kann nicht: Ich habe ein Baby und keinen Kinderwagen“, muss die Bestohlene erwidern. In einer Stunde werde ein Auto frei, dann komme sie vorbei, bietet daraufhin die Polizei an. Sie habe noch ihr Wasser ausgetrunken und sei dann in ihre Wohnung gegangen, um zu warten, erzählt Esther Vida. In diesem kurzen Zeitraum, früher als angekündigt, muss die Polizei doch schon bei ihr geklingelt haben. Denn als sie kurz darauf in ihrer Wohnung ist, wartet sie vergeblich auf die Polizisten.

Als ihr Mann gegen 17 Uhr von der Arbeit zurückkehrt, ruft er im Revier an; auch seine Frau schildert noch einmal das Problem. Sie gibt zu, sie sei sauer gewesen, auch auf die Polizei, die den Diebstahl nicht ernst zu nehmen scheint. Der Beamte legt auf. Esther Vida fasst es nicht.

„Ich bin neu in Flensburg, ich weiß nicht, wo ich hin muss“, erklärt sie und lässt sich beschreiben, wie sie mit dem Bus zum ersten Polizeirevier am Zob gelangt. Dort nehmen sich zwei junge Beamte ihrer an, bis sie von einem dritten Kollegen zum Einsatz wegen einer Prügelei gerufen werden. Vida erfährt, dass es Wichtigeres gebe als den Diebstahl eines Kinderwagens. Sie wartet im Flur des Gebäudes.

Währenddessen erlebt sie mit, wie ein Mann von Beamten ins Gebäude gebracht wird. Als er kurz darauf den Raum wechselt, habe der Mann einen freien Oberkörper. Als Vida den Aufgegriffenen zum dritten Mal im Flur sieht, tragen ihn schließlich zwei Polizisten an Händen und Füßen, weil sich der Mann nicht mehr bewegen konnte. Sie habe geweint, räumt ein, sie sei wütend gewesen. „Ich will das nicht sehen“, habe sie gesagt und den Rat bekommen, die Augen zu schließen. Esther Vida, die für die Sydney Theatre Company an Kostümen gearbeitet habe, fühlt sich behandelt wie eine „doofe Hausfrau, die einen Kinderwagen verloren hat“. Sie fragt: „Wenn nicht mit der Polizei – mit wem kann ich dann reden?“ Die Australierin vermisst bei den jungen Polizisten Einfühlungsvermögen; wahrscheinlich könnten sie nicht nachvollziehen, wie wichtig ein Kinderwagen sei. Erst bei einer „netten Polizistin“ fühlt sie sich ernst genommen und erstattet ihre Anzeige.

Polizeisprecher Matthias Glamann spricht von einer „Priorisierung von Einsätzen“ und rät in diesem „klassischen Fall“ nachdrücklich zur Online-Anzeige. An dem fraglichen Abend könne es sich um einen Mann mit knapp fünf Promille Alkoholkonzentration im Atem gehandelt haben, der auch zu seinem eigenen Schutz in Gewahrsam genommen wurde und „sofortiges Einschreiten erforderte“.

Gefragt nach der Häufigkeit eines Kinderwagen-Diebstahls, verweist Glamann beispielhaft auf zwei Fälle, die schon aus dem Jahr 2011 stammen. Damals hatten eine 16-Jährige und ein 21-Jähriger in der Paul-Ziegler-Straße und in der Travestraße hochwertige Kinderwagen gestohlen und versucht, über das Internet zu verkaufen. Die Fälle konnten aufgeklärt werden, berichtet Glamann. Eine der Bestohlenen habe ihren Kinderwagen bei eigenen Recherchen im Internet wiedergefunden.

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