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Glücksburg : Ausgesetzt: Die Katze, die keiner will

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Seit einem halben Jahr vegetiert „Gerda“ in einem erbärmlichen Zustand unter einem Balkon vor sich hin. Der Tierschutz erklärt sich für nicht zuständig.

shz.de von
erstellt am 29.Jan.2016 | 20:51 Uhr

Glücksburg | Es gibt Schlimmeres auf der Welt. Sicher. Aber für Gabriela und Kurt Linsner spielt sich derzeit unter einem Balkonvorsprung an der Sandwigstraße ein kleines Tierdrama ab. Seit dem Sommer letzten Jahres beobachten sie dort eine Katze, die ein beklagenswertes Dasein führt. „Das Tier hungert, ist in einem erbärmlichen Zustand und völlig sich selbst überlassen“, sagen die Glücksburger, die nur einen Steinwurf entfernt wohnen, mitfühlend. „Es vegetiert nur noch vor sich hin.“

Die zierliche Hauskatze, die mit dem Namen „Gerda“ gerufen wird, ist schildpattfarben; ihr dickes Winterfell offenbart eine Kombination aus Mustern in Schwarz, Braun, Bernstein. In Japan verheißen Katzen mit dieser reizvollen Zeichnung jedem Haus, in dem sie leben, ein langes Glück. Doch ein Haus für sie gibt es nicht, sie lebt im Freien in einem Pappkarton. Und das Glück hat sie längst verlassen.

„Wir vermuten, dass sie von ihren Besitzern hier zurückgelassen oder aber ausgesetzt wurde“, sagt das Ehepaar, das sich der armen Kreatur angenommen hat und es seit November täglich mit Trockenfutter versorgt. Vor allem vor etwa einer Woche, als das Thermometer auf minus 10 Grad Celsius fiel, rechnete es damit, dass die Katze nicht überleben würde. „Aber sie scheint sehr zäh zu sein“, sagt Kurt Linsner.

Und gefährlich dazu. Der 77-Jährige hat es selbst schmerzhaft zu spüren bekommen. Als er sie Anfang Januar mit einem Katzenkorb einfangen und ins Flensburger Tierheim transportieren wollte, biss das verängstigte Tier zu, krallte sich in den Arm seines wohlmeinenden Retters. „Sie hat mörderisch gekreischt und gefaucht“, sagt Kurt Linsner. Die fünf Bisswunden an der linken Hand sind gerade erst verheilt.

Glück im Unglück: Denn wenn die spitzen und langen Zähne in die Haut eindringen, hat dies in jedem zweiten Fall fatale Folgen. Keime aus Maul und Speichel können böse Infektionen hervorrufen. Sehnenscheiden, Knochenhäute oder Gelenke entzünden sich – was im schlimmsten Fall zu einer Blutvergiftung führt.

Grund genug für Linsner, die Finger davon zu lassen. Seine Frau nahm Kontakt zum Tierheim auf. Dort habe man ihr leihweise eine Katzenfalle angeboten, wenn man des Haustigers auf andere Weise nicht habhaft werden könne. Doch das sei letztlich nicht ihre Aufgabe, finden die Eheleute, selbst Besitzer zweier Katzen und eines Hundes. Sie sehen den Tierschutz, bei dem sie auch Mitglied sind, in der Pflicht.

Doch Catharina Brodersen, erst seit Mitte Dezember letzten Jahres Leiterin der Einrichtung, will davon nichts wissen. „Wilde Katzen gibt es zuhauf in der Stadt und auf dem Land“, argumentiert sie. „Es ist nicht unsere Aufgabe, uns darum zu kümmern“ Und man könne es auch nicht leisten. „Katzenfallen müssen kontinuierlich überwacht werden“, sagt die Tierschützerin. „Im Übrigen dürfen wir in dieser Hinsicht nicht tätig werden.“ Man dürfe als Verein nur im Auftrag des Veterinär- oder Ordnungsamtes handeln.

Ist es übertriebene Tierliebe, die das Glücksburger Paar an den Tag legt? Catharina Brodersen verweist auf Futterstellen, die an vielen Plätzen in der Region eingerichtet worden seien. „Und ich kenne niemanden, der jemals eine Katze erfroren aufgefunden hätte – auch nicht in einem harten Winter.“

Keine dieser Futterstellen wird „Gerda“ indes erreichen – sie bewegt sich nur in einem Radius von etwa fünf Metern. Gabriela und Kurt Linsner werden wohl weiterhin „Essen auf Rädern“ servieren. „Man kann diesen Zustand doch nicht ignorieren“, sagen sie. „Darauf warten, dass sie stirbt, können wir nicht!“

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