Sozialwohnungsbau in Flensburg : Aus neu mach alt

Der Mürwiker Garten des Selbsthilfe-Bauvereins am Schottweg wird einen Anteil von über 60 Prozent Sozialwohnungen haben.
Der Mürwiker Garten des Selbsthilfe-Bauvereins am Schottweg wird einen Anteil von über 60 Prozent Sozialwohnungen haben.

Nicht jede neue Sozialwohnung wird auch von Sozialmietern belegt - heute Veranstaltung im Technischen Rathaus.

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29. November 2017, 06:39 Uhr

Die Stadt wächst. Aber wächst sie richtig? Bis zu 1000 Menschen jährlich ziehen nach Flensburg. Universitätszuwachs, Landflucht, Sozialflucht, Ruhestandswohnsitz in schöner Natur – aus vielfältigen Gründen verzeichnet die ländliche Metropole im Norden ein beständiges Bevölkerungswachstum. Das bleibt nicht ohne Folgen: Auf dem Wohnungsmarkt wächst der Druck. Verschärfend kommt hinzu: Seit 2014 sind über 1000 Sozialwohnungen aus der Mietpreisbindung gefallen.

Noch ist alles halbwegs im grünen Bereich. Die Verwaltung sieht aus zwei Gründen noch keinen Flurschaden für die Mieterinnen und Mieter. Der erste Schub mit 801 Einheiten zum 30. Juni 2014 habe keine schlimmen Nebenwirkungen, weil die Miete der betroffenen Bewohner vorerst nur im Rahmen der im sozialen Wohnungsbau zulässigen Steigerungen erhöht werden darf, sagt Verwaltungssprecher Christian Reimer. Der Verlust weiterer 202 Sozialwohnungen bis Ende diesen Jahres sei zudem durch den Neubau von 293 neuen überkompensiert worden. Bis 2020 geht die Stadt aber vom Wegfall mindestens weiterer 291 Sozialwohnungen aus – plus einer Zahl „x“ von Einheiten, die vorzeitig abgelöst werden können.

Der Bedarf wächst also weiter, für viele Sozialmieter dürft es eng werden. „Das Land hat den enormen Förderbedarf erkannt und das kommunale Förderbudget für den Zeitraum 2015 – 2018 auf 60 Millionen Euro erhöht“, sagt Reimer. Das deckt nach städtischen Angaben den Bau von insgesamt 540 Sozialwohnungen ab, die Stadt hat aber schon Eilbedarf für 500 weitere angemeldet. „Wir arbeiten intensiv mit der Wohnungswirtschaft zusammen“, sagt Reimer, bei allen größeren Projekten würden Vereinbarungen zum Bau geförderter Wohnungen geschlossen.

Zu diesen Vereinbarungen gehören Kooperationsverträge mit Bauwirtschaft und Investitionsbank, die auf den ersten Blick kurios erscheinen. Sie sind dafür verantwortlich, dass über 200 neu erstellte Sozialwohnungen gar nicht von Sozialmietern bezogen, sondern zu höheren Mieten auf dem freien Markt angeboten werden konnten. Eine Anfrage der Linksfraktion machte dieses Verwaltungsverfahren letztes Jahr transparent. In projektbezogenen Kooperationsverträgen vereinbaren Stadt und Bauträger einen bestimmten Prozentsatz, zu dem die Neubauten „wohnflächengenau“ auf den Altbaubestand der Kooperationspartner übertragen werden dürfen. Mit anderen Worten: Statt in schicken Neubauten landen viele Sozialmieter in modernisierten Altwohnungen.

Dahinter steckt ein stadtplanerischer Ansatz, meint Verwaltungssprecher Clemens Teschendorf. „Wir haben den ersten Kooperationsvertrag 2006 mit dem Selbsthilfe Bauverein anlässlich des Stadtteil-Umbaus in Fruerlund geschlossen“, sagt er. Hintergrund sei eine bessere soziale Durchmischung des neu erschaffenen Quartiers gewesen. Für solche Modelle kämen nur die großen Anbieter in Frage, weil nur sie aus ihrem Altbestand einen Pool für Ersatzwohnungen bilden können. Dem gleichen Muster folgt aktuell der Arbeiter-Bauverein, der aktuell am Sandberg baut. 70 von rund 100 hier neu entstehenden Wohnungen sollen stattdessen in der Nikolaus Matthiesen-Straße angeboten werden. Voraussetzung sei stets: Gleiche Qualität bei gleicher Fläche und Ausstattung, betont der Stadtsprecher. „Da zieht niemand in eine Abrisswohnung.“ Aktuell größter Anbieter von gefördertem Wohnraum ist der Selbsthilfe-Bauverein, der in sechs Projekten 628 Wohnungen erstellt, davon 367 im geförderten Wohnungsbau. Aber ungefördert, sagt SBV-Sprecher Matthias Weiß, heißt nicht gleich teuer. Die Durchschnittsmiete im Bestand liege noch unterhalb der maximalen Sozialmiete von 5,20 Euro pro Quadratmeter.

Heute Stadtdialog Sozial ist, was Wohnungen schafft

Die Stadt Flensburg lädt heute   um 17 Uhr zum Stadtdialog „Sozial ist, was Wohnungen schafft“  ins Paul-Ziegler-Zimmer des Technischen Rathauses II (Schützenkuhle 26). Die aktuell akute Wohnungsnachfrage und die steigenden Wohn- und Mietpreise haben zu erheblicher Kritik geführt: Insbesondere Sozial- und Mieterverbände beklagen eine Fokussierung des Wohnungsbaus auf die Nachfrage der  Besserverdienenden, die Politik betont hingegen, sie habe den Sozialen Wohnungsbau wiederentdeckt.  Referent und Gesprächspartner ist Andreas Breitner, Verbandsdirektor des Verbands norddeutscher Wohnungsunternehmen. Er   kennt alle Facetten der Wohnungspolitik und der Wohnungswirtschaft. Ab 2003 war er Bürgermeister in Rendsburg, 2012 bis 2014 Innenminister im Kabinett Albig, stellvertretender Landesvorsitzender der SPD Schleswig-Holstein und dort Landesvorsitzender der Sozialdemokratischen Gemeinschaft für Kommunalpolitik.

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