zur Navigation springen

Integration : Aus Kurdistan an die Lilienthalstraße

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ashti Bengo kam vor gut fünf Jahren aus Nordsyrien. Sein Beispiel zeigt, wie Integration funktionieren kann.

Flensburg | Wer sich derzeit fragt, wie schnell wohl hunderte junge Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt in und um Flensburg integrierbar sind, sollte sich einmal mit Ashti Bengo unterhalten. Es ist fast fünfeinhalb Jahre her, dass der 30-jährige Kurde im September nach Deutschland kam und schließlich in Flensburg landete. 15 Monate lang büffelte der ausgebildete Schmied zunächst ausschließlich Deutsch an der Volkshochschule – zu einer Zeit also, als Flüchtlinge solche Kurse noch selbst bezahlen mussten. Wenig später nahm der Mann aus Nordsyrien seinen ersten Job in Flensburg an – als Küchenhelfer bei einem Pizzaservice. Für den Lebensunterhalt war das nicht genug. Über Stationen bei der Beschäftigungsgesellschaft Bequa und einem ausbildungsvorbereitenden Jahr in der Eckener-Schule schaffte Bengo nach fast vier Jahren im August 2014 den Sprung in ein ganz normales Ausbildungsverhältnis.

Seit anderthalb Jahren lernt Ashti Bengo beim Stahl- und Anlagenbauer H.+G. Lorenz an der Lilienthalstraße Metallbauer, Fachrichtung Konstruktionstechnik. Seit seinem Jahr in der Berufsschule hat er auch einen deutschen Hauptschulabschluss in der Tasche.

Geschäftsführer Jens Kappelmann ist angetan von dem 30-Jährigen, der nicht nur Vorkenntnisse im Schweißen mitbrachte, sondern auch weiß, wie und wo er ein Werkstück anzufassen hat und die Gewichte von Edelstahlplatten einschätzen kann. „Ich habe schon in Kurdistan eine Ausbildung als Schmied gemacht und im Libanon als Metallbauer gearbeitet“, berichtet Bengo in fließendem Deutsch: „Nur die Maschinen war nicht so groß und so modern.“ Und die Ausbildung in Syrien sei rein praktisch in der Werkstatt – zusätzlich Deutsch und Mathe lernen in der Schule, das war für Bengo neu.

Das Jobcenter unterstützt den syrisch-kurdischen Vorzeige-Azubi im theoretischen Teil der deutschen dualen Ausbildung mit sogenannten ausbildungsbegleitenden Hilfen – fachspezifischem Deutsch-Unterricht und Mathematik. Das Jobcenter zahlt während der Lehre einen Wohnkostenzuschuss.

„Ohne Sprache wird man hier nichts“, sagt Heidi Mewes, beim Jobcenter für Migrationsfragen zuständig: „Sehr viele, die aus Syrien kommen, haben das erkannt. Wir haben Mühe, den Bedarf an Sprachkursen zu decken“, ergänzt sie.

Jens Kappelmann ist Geschäftsführer des Stahl- und Anlagenbaubetriebs H.+G. Lorenz – mit 40 Mitarbeitern und sieben Azubis ein klassischer Industriezulieferer für Krones, Nordschrott, Mitsubshi Hitec Papers & Co. Bleche kanten, walzen und biegen für Edelstahltreppen, Geländer oder auch Balkone. „Die Sprache ist zwingend notwendig“, sagt Arbeitgeber Kappelmann – schon aus Sicherheitsgründen, und weil moderner Metallbau immer Teamarbeit ist. Einen Flüchtlingsbonus gebe es im Betrieb nicht, es habe einfach gut gepasst. Schon im zweiwöchigen Praktikum sei das erkennbar gewesen. „Dass jemand lieber an Fahrrädern schraubt als an der X-Box sitzt, merkt man sehr schnell“, sagt Jens Kappelmann. Und noch etwas ist für den Geschäftsführer wichtig: „Man braucht auch das Selbstbewusstsein nachzufragen, wenn man etwas nicht versteht.“

Ashti Bengo sei sehr fleißig und habe alle Angebote angenommen, die er haben konnte, lobt auch Sabine Jostmeier vom Jobcenter. Das Beispiel des syrischen Kurden zeige, wie weit man komme, wenn man gezwungen ist, Deutsch zu sprechen – 900 Stunden Deutsch bis zum B1-Niveau. In der Regel dauere es mindestens zwischen einem und drei Jahren, bis ein Flüchtling fit für eine Ausbildung sei.

Familie hat Bengo in Flensburg nicht. Ein Bruder ist Straßenbahnfahrer in Leipzig, eine Schwester lebt in Bredstedt. Viel Zeit bleibt Bengo ohnehin nicht: Nach der Fünf-Tage-Woche im Metallbau bessert sich Bengo seine Azubi-Vergütung am Wochenende noch mit einem Minijob auf – als Küchenhelfer im Pizza-Service.

zur Startseite

von
erstellt am 23.Feb.2016 | 16:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert