Aus der Karibik an die Flensburger Förde

Er liebt das Meer und ist besonders gerne an der Förde: Mario Ogando fühlt sich heute auch in Flensburg zuhause.
Er liebt das Meer und ist besonders gerne an der Förde: Mario Ogando fühlt sich heute auch in Flensburg zuhause.

Ohne ein Wort Deutsch zu sprechen kam Mario Ogando nach Flensburg. Durch das Tanzen fand er ein zweites Zuhause.

shz.de von
08. August 2018, 12:46 Uhr

„Du darfst nie deine Träume aufgeben, du darfst niemals Zweifel daran haben, dass alles gut wird.“ Das ansteckende Lächeln, die positive Energie, die Mario Ogando ausstrahlt, macht es einfach, an diese Worte zu glauben – egal, wie gut oder schlecht es gerade um das eigene Leben bestellt ist. Wie wichtig es ist, gerade nach Schicksalsschlägen an das Licht am Ende des Tunnels zu glauben, dafür ist der 54-Jährige selbst das beste Beispiel.

Vor 17 Jahren kommt Mario Ogando, der nach Angaben seiner Mama schon getanzt hat, bevor er laufen konnte, von Santo Domingo nach Flensburg – der Liebe wegen. Denn an der nördlichsten Förde des Landes ist seine Frau Bente aufgewachsen. Für sie gibt er seinen damaligen Traumjob als Chefchoreograf in einem großen Ferienclub in der Dominikanischen Republik auf. Seine deutsche Frau war dort Tänzerin. „Wir hatten nichts. Ich sprach kein Wort Deutsch, fühlte mich dadurch wie gefangen im eigenen Körper, weil ich mich nicht verständigen konnte“, erinnert sich Mario Ogando an seine erste so schwere und doch auch so spannende Zeit in einer komplett fremden Kultur- und Klimazone. Schon damals sagt sich der Profitänzer: „Ich glaube daran und werde alles dafür tun, dass ein neuer Anfang gelingt“.

„Tanzen ist eine Sprache, die jeder versteht – und wie Magie, du vergisst einfach alles dabei.“

Mario Ogando

Die größte Motivation dafür ist, möglichst schnell wieder unabhängig zu werden – finanziell und auch mit Blick auf die Kommunikation. Unglaublich wichtig sind in dieser Zeit die Tanzschüler in seinen ersten Kursen, zunächst in einer Tanzschule, danach in einem Sportclub. „Ich habe ihnen gezeigt, wie man tanzt – einige von ihnen haben mir immer besser Deutsch beigebracht – meistens nach den Stunden bei einem Glas Wein“, sagt Mario Ogando. Bei diesen Erinnerungen zieht ein besonders herzliches Lächeln über sein Gesicht, denn aus dieser ersten Zeit sind Freundschaften gewachsen, die Mario Ogando nicht mehr missen möchte, die mit jedem Jahr intensiver werden. Für das Tanzen selbst fehlen dem Mann aus der Karibik von Anfang an keine Worte, denn: „Tanzen ist eine Sprache, die jeder versteht – und wie Magie, du vergisst einfach alles dabei.“

Begeisterung, Lebensfreude – damit motiviert Mario Ogando in jeder Tanzschule. Auch in der Zeit, in der er selbst ein schweres Trauma verarbeiten muss. Im Jahr 2010, bei einem seiner an sich so geliebten Besuche in Santo Domingo, passiert der Albtraum – ein Überfall auf offener Straße. In das Auto von Bente und Mario Ogando wird geschossen. Seine Frau wird schwer in den linken Oberschenkel getroffen, Blut strömt in den Wagen. Wird die Tänzerin jemals wieder wie früher tanzen können? Seit diesem Augenblick ist nichts mehr wie es vorher war. „Das ist der Wendepunkt in meinem Leben“, sagt Mario Ogando. Seine Frau muss eine lange körperliche Leidenszeit überstehen, sich in ihren Beruf zurückkämpfen. Ihr Mann ist zwar körperlich unversehrt, dafür aber psychisch und seelisch schwer getroffen, fühlt sich verantwortlich für den Vorfall in seiner Heimat. „Für meinen Mann war es schwerer als für mich, darüber hinwegzukommen“, sagt Bente Ogando.

„Seit diesem Tag bin ich acht Jahre lang in die Tiefe gegangen, auf den Grund meiner Seele, meines Herzens, um herauszufinden, was wirklich wichtig ist im Leben“, sagt Mario Ogando beim Spaziergang über die Promenade des maritimen Stadtteils Sonwik. „Es war oft schwer, es hat Kraft und Mut gekostet, der vielen Menschen fehlt. Aber nun habe ich auf alle Fragen eine Antwort bekommen, ich habe den Sinn erkannt“, sagt der Tanzlehrer, dessen gute Laune seit diesem Tag eine andere Tiefe und Qualität gewonnen hat.

„Wäre Bente nicht getroffen worden, wäre ich wohl tot“, sagt Mario Ogando. Die Wut und die Verzweiflung dieser Tat wandelt er in positive Energie um. Steckt noch mehr Leidenschaft und „deutsche Gründlichkeit“ schon in die Vorbereitung jeder Tanzstunde, ob Salsa oder Zumba. Die Erkenntnis des schlimmsten Tages in seinem Leben lautet: „Ich habe eine zweite Chance bekommen. Die will ich nutzen, in jeden Tag so viel Liebe, Kraft und Freude stecken wie möglich.“ Gewachsen ist auch die Dankbarkeit, „dafür, dass ich gesund bin, so viele liebe Menschen an meiner Seite habe und dafür, dass ich von meinen Tanzschülern so viel zurück bekomme.“

Die Sehnsucht nach seiner Heimat, der Familie in Santo Domingo, wird immer bleiben. „Doch durch das Tanzen habe ich hier eine zweite Heimat gefunden.“

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