Ausstellung Museumsberg : Aug’ in Aug’ mit Adler, Bär und Schwein

Im richtigen Moment festgehalten: Das Foto des Elefanten, der gerade einen Laib Brot verschlingt und deshalb kurz still hielt, ist aus dem Jahr 1993.
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Im richtigen Moment festgehalten: Das Foto des Elefanten, der gerade einen Laib Brot verschlingt und deshalb kurz still hielt, ist aus dem Jahr 1993.

Der Museumsberg zeigt in einer neuen Ausstellung „Tierische Porträts“ des preisgekrönten Fotografen Walter Schels und erstmals auch „Fabelwesen“.

shz.de von
20. Mai 2015, 14:00 Uhr

Flensburg | Der Löwe habe ihm tatsächlich Angst eingeflößt, erinnert sich Walter Schels. Mit Teleobjektiv aber würde „die Plastizität verflachen“, wusste der erfahrene Fotograf – und suchte die Nähe der Raubkatze. Um sie während der Foto-Session zu besänftigen, schob ein Löwenbändiger fleißig Fleisch vom Spieß in den Rachen des Motivs. Im schwarz-weißen Ergebnis wirkt der Löwe nun zwar groß, aber gutmütig. Dieses Bild sei das letzte der Aufnahmen gewesen, die er ursprünglich im Auftrag der Züricher Privatbank Leu für Werbung gemacht habe, erzählt Walter Schels. Nun ist es Teil der Ausstellung „Tierische Porträts“, die gestern auf dem Museumsberg Eröffnung feierte.

Die Idee dazu stammt von Werner Barkemeyer. Im Foyer des Hans-Christiansen-Hauses räumt der Leiter des benachbarten Naturwissenschaftlichen Museums mutig ein, dass er „nicht sonderlich häufig“ kunst- oder kunsthistorische Museen besuche. Als er es dann vor einigen Jahren tat und auf die Kunst des Walter Schels traf, blieben die Eindrücke haften. Nicht nur die mehrfach ausgezeichnete Serie von Bildern von Hospiz-Patienten, die Schels kurze Zeit vor und unmittelbar nach deren Tod fotografiert hat, blieb Barkemeyer in Erinnerung. Auch Schels Tierfotos hatten sich bei ihm festgesetzt. „Was mich damals so beeindruckt hat: Es sind die Tiere an sich“, sagt der promovierte Museumsleiter, die „Persönlichkeit dieser Tiere“.

Die Ausstellung sei eine gemeinsame der Museen auf dem Museumsberg, betont der Chef, Michael Fuhr. Sie stelle die Schnittmenge dar jener Fachkompetenzen, die an keinem anderen Museum in Schleswig-Holstein zusammenkommen: die naturwissenschaftliche und die kunst- und kulturgeschichtliche. Die großformatigen Schwarz-Weiß-Fotografien – mal mit schwarzem, mal hellem Hintergrund (welcher es am Ende werde, sei beim Fotografieren schwierig zu sagen, erklärt Schels ) – sind bar jeder Beschriftung. Schels schätzt sich „sehr glücklich, dass das alles so pur ist“. Texte würden die Ausstellung „zerstückeln“. Stattdessen zieren die Wände oberhalb der Bilder ein paar Aussprüche kluger Persönlichkeiten – natürlich zum Thema Tier. „Hunde blicken zu uns auf, Katzen schauen auf uns herab, und Schweine behandeln uns als Gleichgesinnte“, wusste zum Beispiel Winston Churchill. Und vom schlauen Albert Einstein stammt der Spruch: „Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem Schaf sein.“ Darunter hängen zwei Schafe – und in der Mitte noch eine Majestät, „Seine Majestät“, wie Walter Schels ihn auch voller Achtung nennt. Ein Bär. Auch zu ihm gibt es eine Geschichte. In seinem Atelier in einer Fabrik stehe ein Sofa, erzählt der Fotograf. Der Bärenbändiger habe ihm versichert, dass das Tier durchaus sitzen könne. Perfekt für ein Porträt, dachte sich Schels. Dann machte es „ratsch, und der Bär saß auf dem Boden“, fährt er fort. Das Sitzmöbel wurde schließlich stabilisiert mit einem Brett, und der Bär konnte tatsächlich eine bequeme Haltung einnehmen. Er mag den ruhigen Hintergrund, sagt der Fotograf, der 1936 in Landshut geboren wurde. Er spricht bedächtig mit leichter bayerischer Melodie, sucht berufsbedingt den Blickkontakt und hat, auch berufsbedingt, immer Kameras dabei. Wenn er die digitale auspackt, nennt er sich selbstironisch „Knipser“. Und wenn er analog unterwegs ist? „Dann als Fotograf“, antwortet er lächelnd.

Schels ging mit 30 nach New York, um Fotograf zu werden. 1970 kehrte er nach Deutschland zurück, wurde bekannt mit Charakterstudien berühmter Menschen. Er hatte den Dalai Lama, Grass und Pavarotti vor der Linse. „Meine Überzeugung ist, dass Bilder für sich sprechen“, sagt Walter Schels. Allerdings ergänzt er: „Ich halte es für nützlich bei Menschen, in den Dialog zu treten.“ Wie bei der erwähnten preisgekrönten Serie. Die Texte dazu, die von der Lebensgeschichte der Sterbenden erzählten, seien gar noch ergreifender gewesen als die Bilder, findet er.

Seine tierischen Porträts auf dem Museumsberg stammen aus den letzten 20 Jahren, sagt Schels und, dass er das gesamte Gebäude damit bebildern könnte. Zum ersten Mal öffentlich werden zudem in einem Raum „Fabelwesen“ gezeigt, die durch Doppelbelichtung zweier verschiedener Tiermotive entstanden sind.

Die Hauptarbeit bestehe bei den Porträts darin, „den meditativen Moment“ zu erwischen. Schwierigkeit: „Ein Tier bewegt sich immer.“ Einer seiner Elefanten beispielsweise, so erinnert sich der Fotokünstler, schwang immer hin und her, fast ein bisschen pathologisch. In dem Moment aber, in dem der Wärter dem Dickhäuter einen Laib Brot gab, führte das Tier den Leckerbissen mit seinem Rüssel ins Maul und hielt für einen Augenblick inne.

Schels drückte ab und hatte sein Porträt. Für den edlen Geparden im Gehege wurde darin extra ein kleines Studio aufgebaut. Im Bild legt das Tier den Kopf leicht schief und sieht fast fragend aus. „Der Weg, um diese Ruhe zu finden, das ist echt Kunst“, resümiert Walter Schels. „Und der Weg zur Ruhe ist Unruhe.“ Während Fleisch beim Löwen half, war es ein Milchfläschchen beim Lämmchen. Schels tritt ans Bild und streicht dem Lamm scheinbar über den kleinen Kopf.

„Tierische Porträts“ von Walter Schels, bis 20. September, Di-So 10-17 Uhr, Do bis 20 Uhr. Begleitprogramm auf: www.museumsberg.de

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