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150 Jahre Flensburger Tageblatt : Aufbruch mit der Flensburger Messe

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

70 000 Besucher kamen im Herbst 1947 zur „Export-Musterschau“. Die alten Beziehungen zu Skandinavien sollten wiederbelebt werden.

Flensburg | In der Nachkriegszeit versuchte Flensburg, sich als Messestadt zu profilieren. Dabei setzten die Initiatoren aus dem Rathaus und der regionalen und örtlichen Wirtschaft vor allem auf Kontakte mit den nördlichen Nachbarn. Als symbolträchtiges Markenzeichen diente das Nordertor mit offenem Durchblick – breit genug, um die Konturen Skandinaviens aufzunehmen. Die erstmals 1947 veranstaltete Messe mit dem etwas sperrigen Namen „Export-Musterschau“ diente vor allem dem Zweck, die aufgrund des Zweiten Weltkrieges unterbrochenen, traditionell guten Verbindungen namentlich mit Dänemark, Schweden und Norwegen wieder aufzunehmen. „Schaufenster zum Norden“, titelte das Flensburger Tageblatt. Die Ausstellung fand in Mürwik auf einem inzwischen entmilitarisierten Marineareal unmittelbar an der Förde statt, und zwar dort, wo seit über einem Jahrzehnt ein neuer Stadtteil wächst: dem Marinestützpunkt, stillgelegt seit der Kapitulation, heute Sonwik,

Als Veranstalter dieser Messe hatten sich die Stadt Flensburg, die Industrie- und Handelskammer, die Wirtschaftsvereinigung Groß- und Außenhandel Schleswig-Holstein, die Handwerkskammer und der Ortsausschuss des Deutschen Gewerkschaftsbundes zusammengetan, deren Vertreter am 14. Juli 1947 einen Gesellschaftsvertrag über die Errichtung der Flensburger Export-Musterschau unterzeichneten. Das Stammkapital betrug 100  000 Reichsmark (RM), von denen die Stadt 96  000 RM übernahm und die anderen Gesellschafter jeweils 1000 RM beisteuerten. Die Landesregierung in Kiel und die britische Besatzungsmacht begrüßten und unterstützten dieses ambitionierte Vorhaben.

Gemeinsam wurde das ehrgeizige Ziel verfolgt, nach nur wenigen Monaten Vorbereitungszeit die Messe zu eröffnen. Dafür mussten die einstigen Marinegebäude entsprechend hergerichtet, ein anspruchsvolles Rahmenprogramm für die Besucher gestaltet und ein Ausstellungskatalog gedruckt werden. Dieses Verzeichnis umfasst immerhin 112 Seiten und enthält Texte, von denen mehrere in Deutsch, Dänisch und Englisch abgefasst sind. Man gab sich bewusst international und weltoffen!

An dieser ersten Messe, für die Ministerpräsident Hermann Lüdemann die Schirmherrschaft übernommen hatte, beteiligten sich 172 Unternehmen unter anderem aus den Branchen Auto und Zubehör, Banken und Versicherungen, Baustoffe, Bekleidungsindustrie, Beleuchtungskörper, Chemie, Eisen- und Stahlwaren, Elektroindustrie, Feinmechanik, Gießerei, Glas, Holz verarbeitende Industrie, Kunstgewerbe, Lederwaren, Schmuck, Spielwaren und Textilien. Alles verteilt auf drei große Ausstellungshallen.

In einem im Tageblatt veröffentlichten Geleitwort zur Eröffnung der Schau am 4. Oktober 1947 lobte Vize-Luftmarschall Hugh Vivian Champion de Crespigny, der britische Gouverneur von Schleswig-Holstein, den Unternehmergeist der Flensburger, die Idee einer derartigen Messe entwickelt zu haben: „Es ist ein Unternehmen, dem ich meine Unterstützung von Herzen gebe.“ Dieses „Schaufenster Norddeutschlands“ richte seinen Blick hauptsächlich zwar nach Skandinavien, werde aber „ohne Zweifel Käufer aus ganz Europa und von weiter her anziehen“. Für die schleswig-holsteinische Landesregierung erklärte Bruno Diekmann, Minister für Wirtschaft und Verkehr, Flensburg sei wegen seiner Lage als Standort einer Ausstellung, die sich hauptsächlich an die nördlichen Nachbarn richte, besonders prädestiniert. „Das seit Jahren geschlossene Tor zum Norden ist wieder aufgetan“, freute sich Flensburgs Oberbürgermeister Jacob Clausen Möller.

Einige Tage später fand in festlichem Rahmen im Stadttheater die offizielle Eröffnungsfeier in Anwesenheit des Schirmherrn statt. Ministerpräsident Lüdemann unterstrich die Bedeutung der Export-Schau gerade in einer Zeit, in der auf alle deutschen Bemühungen um den Wiederaufbau eines einfachen wirtschaftlichen Lebens der dunkle Schatten der Demontage falle. Weiter sagte er: „Wir bieten in Flensburg mehr als Waren an. Wir bieten eine geläuterte Bereitschaft, für uns und unsere Nachbarn die Grundlagen des Friedens und des Wohlstandes durch Wiederanbahnung und Festigung der alten Austauschbeziehungen zu sichern.“ Europa und die Welt könnten zweifellos ohne Deutschland, besser aber mit Deutschland leben. Lüdemann plädierte für Verständigung und Frieden.

Um den Besucherstrom aus der Innenstadt zum Messegelände im ehemaligen Marineareal in Mürwik zu lenken, wurde ein Pendelverkehr mit Bussen und Fördeschiffen eingerichtet. Die Busse nahmen am Zob, am Südermarkt und am Hafermarkt Gäste auf, die Schiffe an der Fördebrücke.

Als am 15. Dezember 1947 die erste Messesaison zu Ende ging, wurde eine außerordentlich positive Bilanz gezogen. Registriert wurden etwa 70  000 Besucher, darunter 7000 aus dem Ausland, vor allem aus Dänemark. Es wurden Exportverträge über einen Gesamtwert von rund 20 Millionen US-Dollar abgeschlossen. Diese Zahlen wurden in der kurzen Geschichte der Flensburger Exportmesse nie wieder erreicht. Vor allem die ebenfalls 1947 gestartete Exportmesse von Hannover machte Flensburg zunehmend Konkurrenz. Die Flensburger Messe-Gesellschaft, eine GmbH, musste 1951 wegen einer erdrückenden Schuldenlast liquidiert werden.

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erstellt am 04.Aug.2015 | 16:00 Uhr

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