Bustour durch Flensburg : Auf den Spuren der Zeitgeschichte

Hof der Polizeipräsidiums: 1945 stellten die Briten hier Nazi-Größen der Presse vor.
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Hof der Polizeipräsidiums: 1945 stellten die Briten hier Nazi-Größen der Presse vor.

Die Historiker Gerhard Paul und Broder Schwensen führten bei ausgebuchter Bus-Tour zu Flensburgs Täter- und Opferstätten der NS-Zeit

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30. Januar 2012, 05:44 Uhr

FLENSBURG | "Endlich Schnee!", jubeln die Kinder, die durch die schmale Wohnstraße in Tremmerup tollen und unbeschwert dem Wintervergnügen frönen. Sie können nicht wissen, dass sich hier 1945 eine Tragödie abspielte, an die seit 2001 der Name der Straße erinnert: Der Flensburger Asmus Jepsen wurde zwei Tage vor der absoluten Kapitulation Hitler-Deutschlands standrechtlich erschossen und damit ein Opfer der gnadenlosen NS-Militärjustiz.

Der Asmus-Jepsen-Weg war die dritte Station einer Stadtrundfahrt der besonderen Art. Sie war Teil des Begleitprogramms der im Rathaus gezeigten Ausstellung zu Wehrmachtsjustiz, führte zu Täter- und Opferstätten in der NS-Zeit und stand unter der sachkundigen und engagierten Leitung von Prof. Dr. Gerhard Paul (Universität Flensburg) und Dr. Broder Schwensen (Gesellschaft für Stadtgeschichte). Die Historiker zeigten sich überrascht und erfreut zugleich über die große Resonanz, die diese Reise in die Zeitgeschichte fand. Schon nach kurzer Zeit war der gecharterte Bus ausgebucht, so dass sehr viele Anfragen nicht mehr berücksichtigt werden konnten.

Im Mittelpunkt der Geschichtslektion stand die Zeit um das Kriegsende 1945, als sich in Flensburg die Wege von Tätern und Opfern kreuzten. Als in Berlin schon alles in Trümmern lag, setzten sich reihenweise Nazi-Größen über die "Rattenlinie Nord" nach Flensburg ab. Im Polizeipräsidium erhielten sie neue Papiere und Uniformen. Ein zeitgeschichtlich bedeutsamer Ort ist das Polizeipräsidium auch deswegen, weil im Hinterhof des Gebäudes Großadmiral Karl Dönitz, Rüstungsminister Albert Speer und Generaloberst Alfred Jodl als Mitglieder der letzten Reichsregierung nach ihrer Verhaftung durch die Briten der internationalen Presse vorgestellt wurden. Die Fotos gingen um die Welt!

Die Mitglieder der Nazi-Regierung, die nach Flensburg gelangt waren, hatten sich in der Marineschule Mürwik einquartiert. Sie lag in der "Sonderzone Mürwik", in der die britische Besatzungsmacht Hitler-Nachfolger Dönitz bis zum 23. Mai 1945 gewähren ließ. Die Bustour ging durch das weitläufige Gelände der Marineschule, vorbei am Gedenkstein für den U-Boot-Kommandanten, Ritterkreuzträger und fanatischen Nationalsozialisten Wolfgang Lüth, zur Marine-Sportschule, in der die Regierung Dönitz residierte. Nicht weit von hier endete in jenen Tagen die Reise ins Ungewisse des Lastkahns "Ruth", vollgepfercht mit KZ-Häftlingen aus Stutthof. Die Leichen von 26 Häftlingen wurden am Strand von Fahrensodde vergraben. Verscharrt wurde zunächst auch die Leiche des Offiziers Asmus Jepsen, der nach Bekanntgabe der Teilkapitulation in Nordwestdeutschland, Dänemark und Holland seine Soldaten nach Hause entlassen hatte und zu seiner Familie nach Neukirchen/Angeln zurückgekehrt war, nicht ohne sich am nächsten Tag beim Bürgermeisteramt anzumelden. Die Militärjustiz verurteilte ihn wegen Fahnenflucht zum Tode. Einen Gnadenerlass lehnte Dönitz ab.

Die Geschichtstour endete auf dem Friedhof am Friedenshügel. Auf dem Areal verstreut liegen verschiedene Grabstätten und Mahnmale, die an die Grauen des Weltkrieges erinnern - an Bombenopfer, Zwangsarbeiter, sowjetische Kriegsgefangene und Opfer der NS-Militärjustiz: ein Friedhof als Geschichtsbuch.

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