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Flensburger Tageblatt

23. Oktober 2017 | 10:27 Uhr

Neue Serie : Auf Augenhöhe mit den Kindern

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Eine neue Reihe auf dem Campus widmet sich der Kindheitsforschung. Der Soziologe Manfred Liebel spricht im Interview und am Abend über Kinderrechte.

shz.de von
erstellt am 20.Jan.2016 | 11:00 Uhr

Flensburg | In Ihrem Vortrag stellen Sie die Frage, ob die Kinderrechtskonvention tatsächlich im Interesse der Kinder ist. Wie kann man an den Kinderrechten zweifeln?

Es macht schon Sinn, darauf zu bestehen, dass Kinder bis zu einem bestimmten Alter ein besonderes Recht haben, geschützt zu werden. Kinder haben noch weniger Erfahrungen als Erwachsene und sind körperlich noch in einem Entwicklungsprozess. Deshalb verdienen sie besondere Rücksicht. Aber Kinderrechte dienen nicht nur dem Schutz der Kinder, sie sollten auch so verstanden werden, dass sie die Kinder in der Gesellschaft stärken. Für Kinder gelten alle Menschenrechte, die von den Staaten anerkannt und ratifiziert worden sind. Deshalb ist es wichtig, dass man Kinderrechte nicht als Sonderrechte für eine bestimmte Altersgruppe versteht.

Sie üben Kritik an den Formulierungen der Kinderrechte, setzen sich sogar für Kinderarbeit in Lateinamerika ein. Wie passt das zum Schutz von Kindheit?

Es gibt Diskrepanzen zwischen der Realität und den chronologischen Definitionen der Kinderrechtskonvention sowie den nationalen Gesetzen. Wenn man Kinder als Menschen respektiert, müssen sie auch die Möglichkeit haben, eigene Entscheidungen zu treffen. Man sollte stärker beachten, wie das reale Leben von Kindern ist. Das Freiheitsrecht für Kinder kann sich auch auf Dinge erstrecken, die sich normalerweise Erwachsene vorbehalten, wie zum Beispiel, zu arbeiten. In vielen Kulturen spielt das chronologisch definierte Alter gar keine so große Rolle. In Lateinamerika zum Beispiel übernehmen Kinder schon mit zehn oder zwölf Jahren wichtige Aufgaben, um ihre Familien zu unterstützen, nicht nur weil sie in großer Not leben. Auch der Familienzusammenhalt ist größer. Diese Kinder wollen von Erwachsenen als gleichwertig akzeptiert werden, entsprechend ihrer Rolle in der Gesellschaft. Das heißt auch, dass sie sich nicht ausbeuten lassen wollen, sondern auf ihrer Würde als Menschen bestehen.

Wie unterscheidet sich unser Kindheitsbild von diesen anderen?

In unserer westlichen Tradition ist man gewohnt, den Schutz als eine Art Käseglocke zu sehen. Man nimmt Kinder aus der Gesellschaft heraus und versetzt sie in einen Schonraum. Das ist ein Problem. Der Schutz von Kindern funktioniert am besten, wenn die Kinder dazu aktiv beitragen können. Das Bild von Kindheit, das in unserer Kultur dominiert, ist eine Vorstellung, die die Kinder sehr stark von der Gesellschaft der Erwachsenen separiert. Die wesentlichen Entscheidungen in unserer Gesellschaft werden von Erwachsenen getroffen. Und Kinder sind davon ausgeschlossen. Wenn man Kindheit so wie bei uns institutionalisiert, produziert das auch neue Risiken. Wenn man die Kinder total zu schützen versucht, lernen sie auch nicht, sich in der Gesellschaft zurechtzufinden, Risiken zu erkennen und sich damit auseinander zu setzen. Jede Gesellschaft muss sich auch Gedanken darüber machen, wie sie Kinder vor Gefahren schützt. Simple Verbote nützen da wenig.
Wie kann man es denn besser machen?
Man sollte Kinder immer einbeziehen, wenn man Regelungen trifft – im Großen wie im Kleinen. Wenn eine Gesellschaft sich im Wesentlichen über Wahlen politisch organisiert, dann sollten Kinder auch das Recht haben, an diesen Wahlen teilzunehmen. Aber ich denke auch an Alltagssituationen. Als meine Tochter jünger war, hat sich ein Fall in der Schule ereignet: In der Schultoilette ist ein fremder Mann aufgetaucht. Es gab Ängste, dass etwas passieren könnte, dass ein Kind sexuell missbraucht werden könnte. Die Elternversammlung hat mehrheitlich dafür gestimmt, dass man die Schule abschließt, wenn die Kinder da sind. Die Lehrerin war aber so klug zu sagen, lasst uns doch mal mit den Kindern selbst darüber reden. Und die haben sich vehement dagegen gewehrt, dass sie sozusagen eingesperrt werden. Sie haben gesagt, wir können das doch so regeln, dass wir nicht allein zur Toilette gehen, und dass wir informiert werden, wie wir uns in so einer Situation verhalten sollen. Man nennt das Partizipation oder auch dialogisches Verfahren, das Kinder ernst nimmt.

Ich habe den Eindruck, dass Kinder in den vergangenen Jahren das schon mehr einfordern. Sehen Sie da eine Entwicklung?

Da hat sich kulturell bereits viel verändert. Die Kinderrechtskonvention, die den Kindern Mitspracherechte einräumt, hat dazu beigetragen, aber nicht allein. Das ist ein langer gesellschaftlicher Prozess. In Deutschland hat sich seit der Studentenbewegung der 68er viel verändert. Man ist heute viel eher bereit, mit Kindern zu reden, ihnen zuzuhören, sie mitreden zu lassen, sie ernst zu nehmen. Wobei ich denke, da gibt es noch sehr viel Nachholbedarf.

Kann das nicht aber auch missbraucht werden?

Eine Gesellschaft ohne Risiken ist schwer vorstellbar. Und wenn man versucht, eine Gesellschaft ohne Risiken aufzubauen, dann entstehen neue Risiken, zum Beispiel, weil die Kinder total unselbstständig werden. Es gibt keine perfekte Lösung. Man muss immer wieder neu nach Lösungen suchen.

Wie beeinflusst die mediale Revolution die Kindheit?

Es zeigt sich, dass Kinder im Bereich digitale Medien bereits sehr kompetent sind – auch wenn das von einigen anders gesehen wird. Die digitale Generation kann schon in sehr jungen Jahren sehr gut mit diesen Medien umgehen. Sicher handeln sie sich damit auch Risiken ein und überblicken nicht alles. Deshalb ist es wichtig, dass man als Erwachsener versucht, sich kompetent zu machen und Kinder berät. Bei dieser Beratung muss man aber auch anerkennen, dass man nicht unbedingt mehr weiß über den Gebrauch dieser Technologien als Kinder. Da kann im Zusammenwirken ein kritisches Bewusstsein entstehen, dass man sich diesen Medien nicht so überlässt. Wir kommen an den neuen digitalen Medien nicht mehr vorbei. Man muss sie also möglichst produktiv nutzen. Gerade in diesem Bereich können wir als Erwachsene selber von Kindern wirklich etwas lernen.

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