Theatertausch : Au revoir Pilkentafel

Gruselig: Véronique Chatard als Lilith, Torsten Schütte als Herr Lichtoni. Foto: sh:z
Gruselig: Véronique Chatard als Lilith, Torsten Schütte als Herr Lichtoni. Foto: sh:z

Véronique Chatard, französische Tauschpartnerin der Pilkentafel, verabschiedet sich mit drei Aufführungen der schaurigen "Lilith" von Flensburg.

shz.de von
06. März 2013, 08:31 Uhr

Flensburg | "Wo sind die Kinder?", fragt Lilith immer wieder, und die Frage lässt jedes Mal aufs Neue erschaudern. Lilith ist Menschenfresserin. Mit blassem Gesicht, verkniffenen Augen, fieser Mimik und groben Gesten flößt sie auch Erwachsenen Angst ein. Den ersten Auftritt der Französin Véronique Chatard in der deutschen Fassung ihres Stücks "Les yeux de Lilith" ("Die Augen von Lilith") verfolgen zwei vierte Klassen der Schule Ramsharde. "Voll krass", finden Jungs wie Mädchen, gruseln sich, kreischen. Die Kannibalin Lilith lebt fern der zivilisierten Welt, verlernt die Sprache. In ihrer Einsamkeit entschließt sie sich, per Anzeige jemanden zu suchen, der ihr das Singen beibringt. Herr Lichtoni klopft an, der Fremde, und landet in einer fremden Welt.

Heute um 20 Uhr ist gewissermaßen Erwachsenen- oder Familien-Premiere, jenseits der Schulveranstaltungen. Dabei ist das Stück der französischen Compagnie Les Yeux Gourmands schon zwölf Jahre alt, doch erstmals auf Deutsch zu sehen - das ist eine Frucht des mehrmonatigen Theatertauschs unter dem Titel "ailleurs - anderswo".

Alte Besetzung wieder zurück in Deutschland

Für Véronique Chatard ist die Premiere heute zugleich der Anfang des Abschieds von Flensburg. Nur noch drei Mal schlüpft sie in die Rolle der Lilith, den Lichtoni gibt der Flensburger Pilkentafler Torsten Schütte. Er und Elisabeth Bohde von der Pilkentafel sind wieder zurück aus Frankreich und arbeiten schon mit französischen Partnern an der Premiere "Diverse Differenzen" für Mai.

Ein "oppulentes Stück" wie Lilith mit dem Luxus von zwei Technikern empfinden die Künstler als würdiges Finale. Auch auf der vergleichsweise kleinen Bühne wirken Kerzen und Dunkelheit und Blitzlicht mit Wucht, kann die Menschenfresserin damit überraschen, wie sie geradezu und unerwartet unterm Bett hervor katapultiert wird, und erheitert der Vorhang, der Atemübungen durch Heben und Senken nachempfindet.Die Details bieten jedem menschlichen Sinn ein Feld und die Geschichte gibt guten Stoff zum Reden.

Fasziniert von Fantasie der Kinder im Publikum

Wenn Kinder erzählen, was sie gesehen und gehört haben, so stellt die Französin häufig fest, haben sie sich oft viel mehr vorgestellt als tatsächlich zu hören und zu sehen war. Sie ist fasziniert vor allem von der Nähe zum Publikum in der Pilkentafel. Dennoch kann sie Worte wie "voll krass" nicht verstehen. So vertraut sie sich allein der Atmosphäre an, kann sich hingeben, frei fühlen zum Spiel.

Diese Erfahrungen müssen etwas ausgelöst haben in der Französin, die mit ihrem Lebensgefährten, dessen Sohn, ihrem Sohn und ihrem Hund in der Pilkentafel ein Zuhause auf Zeit gefunden hat. Am Wochenende verlässt sie es - mit ihrer Familie, die hier zusammengewachsen ist. Chatard sagt, in Flensburg habe sie den ersten Schritt für einen neuen Weg genommen. Dass sie weiterhin spielt und Regie führt, steht außer Frage. Jedoch will sie nicht mehr wie am Fließband produzieren, sondern schöpferisch, wirklich kreativ sein. Sie wird ihre Compagnie schließen, verkündet sie, und dass sie eine Zeit voller Ruhe und zum Nachdenken nehmen will. "Das Gefühl ist sehr stark", mit dem sie geht, sagt sie auf Deutsch und schluchzt, als es niemand sieht.

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