Sky hilft Rollstuhlfahrerin : Assistent mit kalter Schnauze

Ein tierisch gutes Team: Sarah Reinke mit ihrem Assistenzhund, dem Labradoodle Sky. 'Er gibt mir viel Sicherheit', sagt die 33-Jährige.  Foto: Marcus Dewanger
Ein tierisch gutes Team: Sarah Reinke mit ihrem Assistenzhund, dem Labradoodle Sky. "Er gibt mir viel Sicherheit", sagt die 33-Jährige. Foto: Marcus Dewanger

Sky ist kein gewöhnlicher Hund: Er kann Türen schließen, Knöpfe drücken, Kleidung ausziehen - und er erleichtert Frauchen Sarah Reinke so den Alltag im Rollstuhl erheblich.

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11. Januar 2013, 10:55 Uhr

Flensburg | Während andere Hunde kläffend vor dem Supermarkt auf ihre Besitzer warten, stolziert Sky erhobenen Hauptes hinein. Denn seinem Frauchen im Rollstuhl weicht er nicht von der Seite. Schräge Blicke verwandeln sich schnell in Verständnis, wenn Kunden oder Mitarbeiter sehen, was der Vierbeiner alles leistet: Waren in einer Packtasche zur Kasse transportieren oder aufheben, was seinem Frauchen heruntergefallen ist.
Sky ist offiziell ausgebildeter Assistenzhund und hilft der an Muskelschwäche erkrankten Sarah Reinke, den Alltag zu meistern. "Gerade versuche ich ihm beizubringen, mit der Nase den Fahrstuhlknopf zu drücken", erzählt die 33-Jährige, die seit neun Jahren im Rollstuhl sitzt. "Die Trainingsphase hört nie auf". Wenn sie über ihre Erlebnisse mit Sky spricht, strahlt die Flensburgerin.
15.000 Euro für Ausbildung des Tiers
Der Entschluss, sich einen Assistenzhund anzuschaffen, fiel 2010. Bei einer gemeinsamen Reha erlebte sie, wie gut es ihrer Freundin, die ebenfalls im Rollstuhl sitzt, mit einem Assistenzhund ging. Aber wie bloß die "Riesensumme von 15.000 Euro" für das Tier und seine Ausbildung aufbringen? Für die Hartz-IV-Empfängerin nahezu unmöglich. Hilfe gab es zunächst beim Verein "Apporte" in Hannover, der bei der Anschaffung und Finanzierung eines Assistenzhundes hilft. "Doch ich musste mich auch selbst um Spenden kümmern", erzählt Sarah Reinke.
Bei den Flensburger Lions sei sie direkt auf offene Ohren gestoßen. Was folgte, war eine lange Zeit des Wartens. Denn was ein nützlicher Assistenzhund werden will, muss gut erzogen werden - im Ausbildungszentrum "Partnerhunde Österreich" in der Nähe von Salzburg. Warum Österreich? Dort sei man, was Behindertenbegleithunde angeht, schon viel weiter, die Wartezeit kürzer - und 10.000 Euro günstiger als in Deutschland.
Intelligenter und arbeitswilliger Labradoodle
Persönlich begrüßen konnte Sarah Reinke den weißen Labradoodle erst Anfang dieses Jahres. "Ein wahnsinnig berührender Moment mit Gänsehaut", erinnert sich die lebensfrohe Frau. Die Vorteile eines Labradoodles: Sie sind nicht nur sehr intelligent und arbeitswillig, sondern haaren praktischerweise auch nicht.
"Vorher musste ich schon 50 Vokabeln lernen, für jeden Befehl ein anderes Wort." Türen öffnen und schließen, Kleidung ausziehen, im Bett aufsetzen, das Telefon bringen oder die Steckerleiste anschalten - ihr tierischer Assistent beherrscht viele Kniffe, die das Leben mit der Behinderung erleichtern. "Schwierig war am Anfang, dass er nur Österreichisch konnte, an meine norddeutsche Aussprache musste er sich erst gewöhnen", erinnert sich Skys Besitzerin.
Erzählname und Arbeitsname
Die Kommunikation zwischen Hund und Frauchen ist ohnehin eine Wissenschaft für sich. So ist Sky zum Beispiel nur der "Erzählname". "Wenn ich ihn rufe, sage ich seinen Arbeitsnamen", erklärt sie. Und der wird natürlich nicht verraten. Wenn im Park die Standard-Kommandos "Hol", "Beifuß" oder "Hierher" ertönen, zuckt der Assistenzhund nicht einmal mit den Ohren. "Er hat ganz andere Hörzeichen in vier verschiedenen Sprachen gelernt, damit er sich eben nicht an anderen Hundebesitzern, sondern nur an mir orientiert."
Nach einer Eingewöhnungsphase mit Theorie- und Praxisunterricht in Österreich wartete die erste große Herausforderung auf das Team: Der erste gemeinsame Flug. "Das lief total unproblematisch, wir durften zusammen in der ersten Reihe sitzen", berichtet Sarah Reinke.
Sky im Mittelpunkt
Mit seinen anderthalb Jahren ist der Labradoodle noch im Rüpelalter, wie ein richtiger Teenager. Doch mittlerweile hört Sky auch bei viel Ablenkung beim Spazierengehen problemlos auf Stimme oder elektronische Pfeife seines Frauchens. Die beiden sind dabei, als Team richtig zusammenzuwachsen.
Wenn Sarah Reinke draußen unterwegs ist, wird "Speedy", ein Zuggerät, vor den Rollstuhl geschnallt. Vor Kurzem geriet sie damit in eine brenzlige Situation: Der Rollstuhl kippte um, sie lag am Straßenrand. "Sky kam sofort zu mir und gab mir ein Gefühl von Sicherheit", sagt sie. Auf Kommando begann er zu bellen, sodass schnell Hilfe kam.
Einen Alltag ohne ihren vierbeinigen Assistenten kann sie sich schon nach gut drei Monaten nicht mehr vorstellen. "Das Schönste ist, dass nun Sky im Mittelpunkt steht - und nicht mehr meine Behinderung."

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