Flensburger Haushalte ohne Elektrizität : Armut in Deutschland: Wenn der Strom abgestellt wird

Trügerische Idylle: Wenn der Strom abgestellt ist, sind Kerzen der einzige Weg, Licht ins Leben zu bringen.
Trügerische Idylle: Wenn der Strom abgestellt ist, sind Kerzen der einzige Weg, Licht ins Leben zu bringen.

Werden Rechnungen nicht bezahlt, kappen die Versorger die Leitungen. Fast 1200 Sperrungen gibt es in Flensburg und dem Kreisgebiet.

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01. November 2017, 13:08 Uhr

Schleswig/Flensburg | Kerzenschein ist ein Sinnbild für gemütliches Zusammensein im Kreise der Familie, für vorweihnachtliche Stimmung und Gemeinsamkeit. Für viele Menschen aber bedeutet Kerzenschein jedoch etwas ganz anderes – wenn der Strom zwangsweise abgestellt wird, weil sie ihre Rechnungen nicht mehr bezahlt haben, ist die Kerze nach Sonnenuntergang die einzige Möglichkeit, Licht in die Wohnung zu bekommen.

Dann funktioniert der Kühlschrank nicht mehr, die Waschmaschine steht still, Backofen und Herdplatten werden nicht mehr warm, unter Umständen gibt es auch weder warmes Wasser noch Telefon – und selbst das Mobiltelefon lässt sich nicht mehr aufladen. Es ist der Abschied von vielen Errungenschaften der Zivilisation – und die Erkenntnis, dass man ganz unten angekommen ist.

Einzelfälle sind das nicht, wie ein Blick auf die Zahlen zeigt. Allein die Flensburger Stadtwerke haben im vergangenen Jahr 891 Haushalten den Strom abgedreht – nur in dem Gebiet, in dem sie Grundversorger sind, also in der Stadt selbst, in Glücksburg und in Harrislee mit insgesamt rund 55.000 Haushalten. Und Besserung ist nicht zu erkennen – in diesem Jahr wurde der Strom schon wieder in mehr als 700 Haushalten abgestellt. Die Sperrung selbst schlägt mit 71,40 Euro zu Buche, wird der Abschluss wieder entsperrt, kostet das den Kunden noch einmal die selbe Summe.

Nicht ganz so dramatisch stellt sich die Situation im eher ländlichen Kreis Schleswig-Flensburg dar. Die Schleswig-Holstein Netz AG ist zwar, wie der Name schon sagt, in erster Linie Netzanbieter, übernimmt aber für die unterschiedlichen Anbieter die unangenehme Aufgabe der Sperrung. „Wir entscheiden nicht darüber, wir führen nur aus“, erläuterte Pressesprecher Ove Struck. Das gilt für 813.000 Anschlüsse im Lande. Zahlen speziell für den Kreis Schleswig-Flensburg werden zwar nicht erhoben, die Pressestelle aber geht von rund 85.000 Anschlüssen im Kreisgebiet aus, von denen im vergangenen Jahr rund 300 gesperrt werden mussten, in den ersten neun Monaten dieses Jahres knapp 200.

Für die Versorger sind Stromsperrungen kein angenehmes Thema – schließlich ist ihnen bewusst, dass das Abschalten des Stroms für jeden Betroffenen ein harter Schlag ist – und das ganz besonders, wenn Kinder in der Familie leben. „Für uns kann die Stromsperre immer nur das letzte Mittel sein, um offene Zahlungen beglichen zu bekommen“, sagt Peer Holdensen, Pressesprecher der Flensburger Stadtwerke. „Unsere Kollegen versuchen immer über unterschiedliche Vorgehensweisen, eine Lösung mit dem Kunden zu vereinbaren.“

Die Unternehmen sind gesetzlich verpflichtet, ihre Schuldner mehrfach auf eine drohende Sperrung hinzuweisen. Voraussetzung ist, dass die ausstehende Summe mindestens 100 Euro beträgt. Eine Sperrung muss zunächst vier Wochen und dann noch einmal drei Tage vor dem Termin angekündigt werden. Üblicherweise folgt kurz vor der Sperrung dann noch einmal ein Anruf – und immer mit der Möglichkeit für den Kunden, sich doch noch mit seinem Versorger zu einigen. Zu den Möglichkeiten gehören unter anderem Ratenzahlungen und ein Prepaid-Stromzähler, bei dem der Kunde vorab einen Betrag auf eine Karte laden, diese in den Stromzähler stecken kann und so sein Guthaben verbraucht.

Da viele Stromanbieter um die finanziellen Nöte ihrer Kunden wissen, verweisen sie häufig auch auf gemeinnützige Vereine und Verbände, die Hilfe anbieten. Auch für die Verbraucherzentrale in Kiel ist das Thema Stromsperre allgegenwärtig. „Zahlungen von Miete, Strom und Heizung sollten immer Vorrang haben“, mahnt Margrit Hintz, die stellvertretende Geschäftsführerin in Kiel. Sie gibt allerdings auch zu bedenken, dass es gerade Menschen mit kleinem Einkommen schwer haben, die Stromkosten zu begleichen. Die Preise seien in den letzten Jahren enorm gestiegen, zudem könnten sich viele Menschen stromsparende Elektrogeräte nur selten leisten. „Zudem muss man bedenken, dass man eben mehr Strom verbraucht, wenn man mehr zu Hause ist – beispielsweise wegen Arbeitslosigkeit.“ Die Verbraucherzentrale bietet für Leistungsempfänger kostenlose Beratungen unter vier Augen an – und kommt bei Bedarf auch ins Haus, um Stromfresser zu identifizieren.

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