Ansturm auf die Hochschulen

Gemeinsame Einrichtungen, gemeinsame Herausforderung: Werden Audimax (im Vordergrund) und Mensa künftig genügend Platz für alle Studenten bieten?
Gemeinsame Einrichtungen, gemeinsame Herausforderung: Werden Audimax (im Vordergrund) und Mensa künftig genügend Platz für alle Studenten bieten?

Im Jahr 2016 verlässt der erste doppelte Abitur-Jahrgang die Schulen – schon jetzt sind Uni und FH übervoll und unterfinanziert

shz.de von
05. Mai 2015, 12:10 Uhr

Zum Schuljahr 2008/2009 hat Schleswig-Holstein – zwar als letztes Bundesland, aber wie beinahe alle Bundesländer – die Verkürzung der Schulzeit an Gymnasien von neun auf acht Jahre eingeführt („G8“). Die Wahlfreiheit zwischen den Modellen, die seit 2011 gilt, hat nur ein Bruchteil der 99 Gymnasien im Land genutzt und ist entweder zu G9 zurückgekehrt oder bietet Schülern beide Optionen. Im Sommer des nächsten Jahres werden die ersten Absolventen des ersten G8-Stranges und von G9 ihr Abi bekommen und als doppelter Abitur-Jahrgang die Hochschulen herausfordern.

Schon jetzt stellt die Nachfrage Europa-Universität und Fachhochschule vor Schwierigkeiten. So sagte beispielsweise Professor Holger Watter, der neue Präsident der FH Flensburg, kürzlich im Interview, dass sie 70 befristete Mitarbeiter beschäftige. Doch: „Wir wissen im Moment noch nicht, wo wir die Studierenden alle unterbringen sollen, wie die Finanzierung dauerhaft funktioniert.“

Auch Professor Jürgen Schwier, Uni-Vizepräsident für Studium und Lehre, stellt fest: „Wir sind schon jetzt am Limit und dazu auch noch anerkanntermaßen unterfinanziert.“ Die Aufnahmekapazität hält er „in den meisten Studiengängen (gerade im Lehramtsbereich) für den doppelten Abitur-Jahrgang für nicht annähernd ausreichend“. In Zahlen bedeutet das für die Uni, dass sie bereits seit 2011 jährlich rund 20 Prozent Studierende über Kapazität aufnehme. Einen Eindruck gibt diese Gegenüberstellung: Uni-Vorlesungsräume sowie Audimax und Mensa sind für 2736 Studierende ausgelegt – im aktuellen Sommersemester aber nutzen 4627 Studierende und 420 Mitarbeiter die Einrichtungen.

Demgegenüber verfügt die FH über 2626 Plätze in den Hör- und Seminarräumen (einschließlich des Versatel-Gebäudes), hinzukommen Laborplätze (etwa PC-Labore oder in der Biotechnologie/Verfahrenstechnik). Die Zahlen sprechen Bände, wenngleich ein Puffer eingebaut ist und natürlich nicht jeder Student zeitgleich mit den anderen zu Mittag isst.

„Die Europa-Universität Flensburg lebt von ihrem überaus engagierten Personal“, betont Jürgen Schwier dankbar. Ein erheblicher Teil der Kollegen nehme schon jetzt mehr Studierende in Lehrveranstaltungen auf, und viele böten mehr Lehrveranstaltungen an. „Selbstverständlich sind aber übergroße Seminare der Qualität der Lehre nicht zuträglich“, ergänzt Jürgen Schwier. Auch Räume fehlten, weshalb zeitnah ein zweiter Erweiterungsbau notwendig sei. Derzeit führe die Uni Gespräche mit dem Ministerium, „deren Ergebnis wahrscheinlich zusätzliche Mittel für alle Hochschulen im Land sein werden“, berichtet er. „Mit diesen Mitteln werden die Hochschulen zusätzliche Studienplätze für den doppelten Abitur-Jahrgang schaffen.“ Doch seien die Mittel dauerhaft notwendig, denn der Vize-Präsident rechnet für die weiteren zehn Jahre mit hohen Studentenzahlen.

Eine Verstetigung der Stellen und die Unterstützung des Landes fordert auch FH-Kanzlerin Sabine Christiansen ein. Mit einem Senatsbeschluss hat die Fachhochschule Flensburg die Landesregierung jüngst an ein Versprechen erinnert, nämlich „die strukturelle Benachteiligung der Hochschule bis 2018 auszugleichen“. Demnach benötigt die FH 22 Millionen Euro jährlich „als Grundfinanzierung, um auch in Zukunft den studentischen Regelbetrieb gewährleisten zu können“. In den gültigen Zielvereinbarungen für die Periode von 2014 bis 2018 zwischen dem zuständigen Ministerium und der Hochschule hatte die Landesregierung die Verringerung dieses Defizites bis 2018 zugesichert. Ausgehend von einer langfristigen Kapazität von etwa 3600 Studierenden an der FH im Jahre 2020 müsste die Grundausstattung der Haushaltsmittel von derzeit 14,5 Millionen Euro bei aktuell 4200 Studierenden auf 22 Millionen Euro angehoben werden. Neben der finanziellen Grundsicherung sei zudem wichtig, die langfristige Studierenden-Kapazität festzulegen, und zwar ohne Sondereffekte wie den Mitteln aus dem Hochschulpakt oder speziellen Fördertöpfen, macht FH-Präsident Holger Watter klar.

Angesichts schon jetzt besonders voller Einführungs- und Grundlagenveranstaltungen (Studenten sitzen auf Tischen, Professoren verlegen ihre Seminare in die Abendstunden) und knapper Arbeitsplätze in Laboren (Fachbereich 1: jährlich 350 bis 400 Studierende werden durch ein Labor mit zehn Arbeitsplätzen geschleust) prüft das FH-Präsidium die Anmietung weiterer Räume in der Stadt. Auch die interne Raumverteilung werde überprüft, mehr E-Learning in Erwägung gezogen, interne Prozesse optimiert.

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