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Flensburger Tageblatt

18. Dezember 2017 | 16:09 Uhr

Angst vor kürzeren Sonnentagen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Planungsausschuss soll heute über die Alte Gärtnerei in Mürwik entscheiden – der Protest hat sich im Umfeld bereits organisiert

shz.de von
erstellt am 10.Dez.2013 | 00:34 Uhr

Zu schreiben, sie seien alarmiert, wäre stark untertrieben. Albert Wegener, Kay Jessen und Heiko Köck sind entsetzt über eine städtische Planung, die zwischen Osterkoppel und Fördestraße 190 Wohnungen auf dem Gelände „Alte Gärtnerei“ schaffen will. Heute soll der Planungsausschuss entscheiden. Folgt man den Konfliktparteien, wird es wohl auch eine Grundsatzentscheidung über wichtige Qualitätsparameter künftiger Stadtverdichtung.

Die drei Anwohner bündeln als Sprecher der Anlieger den Protest. 190 Unterschriften gegen dieses Großprojekt haben sie gesammelt und Oberbürgermeister Simon Faber übermittelt, sie haben Gespräche mit Politikern und Planern geführt, sie halten den offiziell gern beschworenen Dialog mit dem Bürger in diesem Fall für gründlich misslungen. „Wir reden und reden und reden – und es wird immer schlimmer“, sagt Wegener.

Für die bereits siedelnden Anlieger stellt sich die Sache so dar: In den 60-er Jahren siedelten sie in einem Baugebiet, das für eingeschossige Einfamilienhäuser ausgewiesen war. In der Ferne entstand damals an der Osterkoppel parallel ein mehrgeschossiges Gebäude mit Mietwohnungen – aber aus der Ferne droht die mehrgeschossige Bauweise jetzt mit Macht direkt an ihre sonnigen Terrassen zu rücken. Die aktuelle Planung sieht vor, auf 2,5 Hektar Land der ehemaligen Gärtnerei insgesamt mit vier bis sechs Geschossen zu bauen. Die maximale Entfernung zwischen Grundstücksgrenze und Neubau liegt bei 11 Metern. „Es ist nicht nur, dass sie alle auf uns herabschauen“, sagt Wegener. „Unsere Sonnentage sind auch deutlich kürzer.“

Zwei Jahre zuvor hatte ein anderer Flensburger Investor auf dem gleichen Grundstück noch eine deutlich kleinere Wohnanlage geplant, die überwiegend aus Doppel- und Reihenhäusern für junge Familien bestehen sollte. Eine Planung, die an der Rabenslücke begrüßt wurde, mit dem neuen Investor aber Makulatur wurde.

Die Kritiker der neuen Planung fühlen sich mit ihren Bedenken und Einwänden auch in der nach einer Bürgerinformation modifizierten Planung (Geschosshöhen an Grundstücken der Einfamilienhäuser wurden verringert) nicht wieder. „Stadtverdichtung muss sich doch auch an Qualität messen lassen“, fordert Kay Jessen, „und nicht nur an Quantität. Am Wasserturm entstehen auf einem um ein Drittel größeren Grundstück nur 160 Wohnungen. Daran sieht man doch, wie unverhältnismäßig diese Planung ist.“

Genau das findet nun aber Flensburgs Stadtplanungs-Chef Peter Schroeders nicht. Im Gegenteil. Der Entwurf erfüllt aus seiner Sicht sehr ehrgeizige Forderungen. Der gesamte ruhende Verkehr beispielsweise werde in eine Tiefgarage verlegt, mit dem Resultat einer hohen oberirdischen Freiraumqualität. Die Planung habe ferner die Kritik an Geschosshöhe und Hausnähe aufgenommen. „Die Abstände sind anderthalb mal größer als von der Landesbauordnung gefordert“, betont er. Die hohen Baukörper seien an die Peripherie gerückt. „Das sind Bestandteile in der Planung, die traut man sich woanders kaum zu fordern!“ Fairerweise stellt Schroeders nicht in Frage, dass die vorherige Planung mit deutlich weniger Baumasse ausgekommen wäre, dass ein Maßstabssprung nicht zu leugnen sei.

Der Schwenk sei dem inzwischen erfolgten Paradigmenwechsel in der Politik hin zum Geschosswohnungsbau geschuldet. „Jeder, der in einer Stadt lebt, muss damit rechnen, dass sich städtebauliche Paradigmen ändern. In der Abwägung halte ich unseren Vorschlag für tragfähig.“

Wegener und seine Mitstreiter sind entschlossen, diese Paradigmen rechtlich zu hinterfragen. Sie sehen das vom Baugesetzbuch geforderte Gebot der Rücksichtnahme verletzt und kündigen eine Normenkontrollklage an. „Das hat keine aufschiebende Wirkung,“ macht sich Wegener nichts vor. „Aber für den Investor gibt es das Risiko, dass er im Fall der Fälle alles wieder zurückbauen muss. Ich sehe unsere Chance bei fifty-fifty.“

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