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Landgericht Flensburg : Angeklagte im Mert-Can-Prozess: Seit Mittwoch ziemlich beste Feinde

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Im Mordprozess um Mert Can Altunbas schiebt der mutmaßliche Haupttäter die Schuld dem Mitangeklagten zu.

shz.de von
erstellt am 05.Okt.2017 | 07:00 Uhr

Für die Mutter des Getöteten ist es zu viel des Bösen. Plötzlich will es niemand gewesen sein. Ihr gegenüber auf der Anklagebank sitzen zwei 20-Jährige. Die Staatsanwaltschaft beschuldigt sie, am Morgen des 16. April ihren Sohn Mert Can Altunbas im Eingang seines Elternhauses mit einem Springmesser ermordet zu haben. Klar ist nur, dass die beiden gegen 3.30 Uhr vor der Tür standen und das Altunbas diese Begegnung nicht überlebte. Aber wer hat zwei Mal mit dem Springmesser zugestochen? Darauf gab es am Mittwoch keine Antwort. Im Gegenteil.

Am ersten Verhandlungstag hatte der Angeklagte R. den Angeklagten I. der Tat bezichtigt und sich wortreich bei der Familie des Getöteten entschuldigt. Am Mittwoch nun drehte I. den Spieß um. Freund R. sei es gewesen, sagt der Tathauptverdächtige, und natürlich entschuldigt auch er sich. Alles Entschuldigungen, die keiner hören will. Die Erklärung von I. sei ein „Schlag ins Gesicht der Angehörigen“, erklärt deren Rechtsanwalt. Frau Altunbas bleibt fassungslos der Atem weg. Sie braucht eine Pause.

I. erzählte im Grunde die Geschichte, die sein Komplize R. schon am ersten Verhandlungstag erzählt hatte, nur anders herum. In dieser neuen Version sei R. wegen Mert Can Altunbas in Rage gewesen und habe die Tat begangen. „Ich hatte keinen Stress mit Mert Can“, beteuert er. Sie seien zwar nie Freunde gewesen, aber hätten ihre Konflikte immer gewaltfrei geregelt. Das kann sein, kann auch nicht sein. Das Problem der Anklage ist, dass niemand die Tat beobachtet hat. Einzig die Freundin des Getöteten war in der Nähe. Sie kam aber erst zur Tür gelaufen, als ihr Freund schon getroffen war. Gesehen habe sie dort aber nur R., berichtete sie dem Gericht schon am ersten Prozesstag. Der plötzlich Beschuldigte vergräbt sein Gesicht daher immer wieder in den Händen, als Rechtsanwalt Martin Unger die Erklärung seines Mandanten I. verliest. Spätestens jetzt ist klar: Auf der Anklagebank sitzen ab sofort zwei ziemlich beste Feinde.

Die Verteidigung des mutmaßlichen Haupttäters reagierte mit dieser verlesenen Einlassung ihres Mandanten, nachdem die Kammer ihren Befangenheitsantrag gegen die psychiatrische Gutachterin abgelehnt hatte. Dr. Raphaela Basdekis-Jozsa habe sich Bewertungen der Ermittlungsbeamten zu eigen gemacht, so der Vorwurf, den die Kammer aber zurückwies. In der ausführlichen Begründung von Kammervorsitzender Birte Babener fanden sich immer wieder Hinweise, wo der Hauptbeschuldigte Defizite haben könnte: Überhöhtes Selbstwertgefühl, narzistische Akzentuierungen, eine gewisse Leichtigkeit des Lügens. Weil R. die Begutachtung ablehnte, musste sich die Hamburger Forensikerin ausschließlich auf die Ermittlungsakten stützen. Das komplette Gutachten wird aber erst gegen Ende des Prozesses zu hören sein.

Vielleicht kommt dann noch eine zweite Expertise zum Vortrag. R.’s Anwalt Bernhard Mussgnug beantragte, einen Sprachwissenschaftler zum Thema Jugendsprache zu hören. Daraus werde erkenntlich werden, so Mussgnug, dass die auf zahlreichen Whatsapp-Nachrichten sicher gestellten Kraftsprüche – „ich fick’ Dich, ich stech’ Dich ab, ich bring’ Dich um, Köpfe werden rollen, ich werde dir beide Beine brechen“ uva. – im heutigen Jugendsprech eigentlich gar nicht ernst gemeint sind. „Jugendliche sagen das heute sehr schnell.“ Das wirkt angesichts des Tatbestands, der hier verhandelt wird, leicht kurios. Im Fall Mart Can Altunbas sind den Worten leider Taten gefolgt.

Die Entscheidung über den Antrag wird für Donnerstag erwartet. Der Verhandlungstag beginnt um 9.15 Uhr.

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