Gedenktag : An der Grenze ist die Erinnerung jung

Neuntklässler der Duborg-Skolen  trugen am Gedenktag eigene Texte vor, in denen sie die Ereignisse des NS-Regimes verarbeiteten.
Neuntklässler der Duborg-Skolen trugen am Gedenktag eigene Texte vor, in denen sie die Ereignisse des NS-Regimes verarbeiteten.

Harrislee gedenkt am ehemaligen Bahnhof der Opfer des Nationalsozialismus. Die Patenschüler von der Duborg-Skolen und der Zentralschule Harrislee ziehen in ihren Vorträgen Parallelen zur Studentin Tugce Albayrak.

shz.de von
28. Januar 2015, 16:00 Uhr

Flensburg | Wie muss es sich angefühlt haben, während der Nazi-Zeit mit dem Zug nach Paris zu fahren? Als Menschen auf den Gleisen lagen? Diese und andere Fragen reflektierten Jungen und Mädchen der Duborg-Skolen und der Zentralschule Harrislee, als sie gestern mit Harrislees Bürgervorsteher Karl H. Rathje und Generalkonsul Henrik Becker-Christensen am ehemaligen Bahnhof an die Opfer des NS-Regimes erinnerten.

Seit 1998 findet an diesem Mahnmal die öffentliche Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus statt. Die Duborg-Skolen und die Zentralschule Harrislee haben die Patenschaft für das Mahnmal übernommen. Durch die deutsch-dänische Arbeitsgruppe „Harrislee-Bahnhof“ – 1994 gegründet – wird außerdem die Geschichte der Deportation und die Bedeutung des Harrisleer Bahnhofs als eine „Station auf dem Weg in die Hölle“ jenseits von parteipolitischen und nationalen Grenzen aufgearbeitet.

Der ehemalige Harrisleer Bahnhof ist Station eines traurigen Kapitels in der deutschen Geschichte. Rund 1600 dänische Gefangene des Lagers Fröslee, das rund vier Kilometer nördlich der dänischen Grenze liegt, wurden von dort aus ab dem 15. September 1944 in sechs Transporten mit Viehwaggons in die Arbeits- und Vernichtungslager Auschwitz, Dachau und insbesondere Neuengamme deportiert. 260 Gefangene haben die Herrschaft der Nationalsozialisten nicht überlebt.

Diese Ereignisse haben nicht nur im deutsch-dänischen Grenzraum, sondern auch im restlichen Schleswig-Holstein eine andere Dimension, denn „sie spielten sich in unmittelbarer Nähe vor der Haustür der Menschen ab“, erzählt der Harrisleer Bürgervorsteher Karl H. Rathje. Deshalb sei es umso wichtiger, sich die Verbrechen in Erinnerung zu rufen, mit der Mahnung, dass so etwas niemals wieder geschehen dürfe.

Generalkonsul Henrik Becker-Christensen und Rathje lobten die Patenschaft der Duborg- und Zentralschüler. „Pate sein heißt, Verantwortung für das Mahnmal, die Erinnerung und die Gestaltung der Zukunft zu übernehmen“, erklärt Rathje. Und Becker-Christensen betont: „Die Schüler leisten einen Beitrag, damit die Vergangenheit nicht vergessen wird.“

Auch den Neuntklässlern der Patenschulen ist bewusst, dass sie die Ereignisse von 1933 bis 1945 nicht vergessen dürfen. Dies verdeutlichten sie in ihren eigenen Texten in deutscher und dänischer Sprache. Die Jungen und Mädchen der Zentralschule Harrislee verarbeiteten nicht nur die Erinnerungen und Eindrücke von Jennifer Teege, die als Adoptivtochter mit 38 Jahren zufällig erfährt, dass ihr Großvater Amon Göth ein KZ-Kommandant und für die Ermordung zahlreicher Juden verantwortlich war. Durch Recherchen findet sie heraus, dass dieser 1946 als „Schlächter von Plaszów“ in Polen zum Tode verurteilt wurde.

Die Schüler haben herausgefunden, dass das Gespräch mit Zeitzeugen wichtig ist, um zu verstehen, wie die Situation vor Ort war. So haben sie gelernt, dass es gefährlich war, Juden und anderen Verfolgten zu helfen. Trotzdem haben einige Menschen nicht weggeschaut. Wie die Studentin Tugce Albayrak, die im vergangenen Jahr an den Folgen einer Prügelattacke starb, nachdem sie zwei Mädchen zu Hilfe gekommen war.

Ann-Christin Still und Michael Denninghoff singen zum Schluss mit ihren Mitschülern Herbert Grönemeyers „Stück vom Himmel“, das sie „zwei Wochen lang im Musikunterricht und mit der Schulband eingeübt haben“. Darin heißt es: „Es sind Geschichten, sie einen diese Welt. Nöte, Legenden, Schicksale, Leben und Tod, glückliche Enden, Lust und Trost.“


zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen