Ampel-Prototyp: Tod dem toten Winkel

So warnte das System vor nahenden Radfahrern.
So warnte das System vor nahenden Radfahrern.

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07. August 2010, 08:49 Uhr

Flensburg | Der Fahrer auf dem Mountainbike macht Tempo. Mit 40 Kilometern pro Stunde schießt er die Schützenkuhle hinab. Die Kreuzung an der Husumer Straße naht. Die Ampel zeigt grün. Doch der Rechtsabbieger auf vier Rädern übersieht den eiligen Radfahrer. Der tote Winkel. Es kommt zur Kollision - mit schwerwiegenden Folgen.

Das Szenario ist fiktiv, aber durchaus realistisch. Denn die Statistik liest sich ernüchternd. 3866 Unfälle, an denen Radfahrer beteiligt waren, gab es im vergangenen Jahr auf Schleswig-Holsteins Straßen. Elf Menschen kamen ums Leben, davon zwei Kinder.

Auch wenn die Zahl dieser Unfälle um 5,4 Prozent rückläufig ist, will die Landesregierung nicht nachlassen in dem Bemühen, Radfahrer im Straßenverkehr besser zu schützen. Nicht zuletzt deshalb war gestern Klaus Schneider, Ministarialrat im Verkehrsministerium, nach Flensburg gekommen, um die bundesweit erste Fahrradampel in Augenschein zu nehmen. Er zeigte sich angetan von der Erfindung des Flensburger Dachdeckermeisters Martin Budde (45). "Nach einem Erfahrungsbericht werden wir uns mit den anderen Leitern der Straßenverkehrsbehörden des Landes zusammensetzen", kündigte er an.

Der Leiter der Flensburger Behörde, Kai-Uwe Lütjens, sagte nach der gut dreimonatigen ersten Testphase an der Einfahrt zur ehemaligen Motorola-Fabrik: "Die Funktionsweise konnte überzeugen." Die Fahrradampel ist ein radarbasiertes Frühwarnsystem. Das Signal fängt an zu blinken, sobald sich ein Radfahrer nähert. Damit ist der Autofahrer, der rechts abbiegen will, gewarnt. Das Radarsystem kann den Radfahrer, der auf die Ampel zusteuert, auf eine Entfernung von 60 Metern erfassen. "Eine sinnvolle Hilfestellung an Gefahrenquellen", so Lütjens, der aber betont, dass die Innovation den Schulterblick des Autofahrers nicht ersetzen kann und soll.

Acht Wochen lang will man die Praxistauglichkeit und den Effekt der Anlage beobachten. Die Unfallkommission in Kooperation mit den zuständigen Behörden wird dann weiter entscheiden.

Der Flensburger Tüftler, der ein Jahr lang über dem Projekt gebrütet hat, ist für die Prototypen an der Schützenkuhle/Husumer Straße wie auch am Lautrupsbach/Nordstraße und am Katharinenhof/Harrisleer Straße finanziell in Vorleistung gegangen. "Wir stellen nur die Kreuzung", sagte Stadtsprecher Thomas Hansen schmunzelnd. Budde hofft auf den Werbeeffekt. Bei Erfolg könnte die Kasse klingeln. Was die Kosten betrifft, hält sich der Mann, der derzeit mit der Vermietung und Verwaltung von Gewerbe-Immobilien sein Geld verdient, bedeckt. Nur so viel verrät er: "Die Kommunen, die als potenzielle Abnehmer in Betracht kommen, haben festgestellt, dass der Preis im Vergleich zum Nutzen nicht zu hoch ist."

Als der Prototyp gestern unter großem Medienandrang in Betrieb genommen wurde, dürften viele Autofahrer die Installation eines neuen Geschwindigkeitsradars vermutet haben. Doch sie werden schnell lernen, dass sie hier nicht geblitzt, sondern sinnvoll gewarnt werden.

Martin Budde hat Großes vor mit seiner Erfindung. Schon bald, so hofft er, könnte die Flensburger Ampel in Serie gehen. Er ist sicher: "Das geht in die Welt."

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