Stapellauf : Amazone mit Schönheitsfehlern

Da muss noch ein bisschen Farbe drauf: Die „Amazon Warrior“ lief gestern ohne das letzte Farb-Finish vom Stapel.
Da muss noch ein bisschen Farbe drauf: Die „Amazon Warrior“ lief gestern ohne das letzte Farb-Finish vom Stapel.

Flensburger Schiffbau Gesellschaft auf neuen Wegen: Das erste Offshore-Spezialschiff der Werft ist für den weltweiten Einsatz unter extremen Bedingungen konzipiert und lief gestern vom Stapel. Orkantief Christian hinterließ an der Amazon Warrior schon Spuren

shz.de von
09. November 2013, 10:30 Uhr

Die Flensburger Schiffbau Gesellschaft hat in ihrer langen Geschichte noch nie ein Schiff vom Stapel gelassen, das aussieht, als werde es von Hansaplast zusammengehalten. Gestern ist es passiert. Und Christian ist schuld. Der Orkan wirbelte den engen Zeitplan der FSG mit 12 Beaufort Windstärken durcheinander – und dem Resultat, dass die „Amazon Warrior“ vor ihrem Stapellauf nicht mehr fertig lackiert werden konnte.

Die Windböe, die FSG-Geschäftsführer Peter Sierk dafür verantwortlich macht, ist registriert. Sie fegte mit 193 Kilometern in der Stunde über das Dach der Werfthalle und deckte gut ein Drittel der Konstruktion ab. Die Arbeiten an dem Offshore-Seismik-Schiff mussten vorübergehend eingestellt werden. Für die Werftcrew bestand Gefahr an Leib und Leben. „Seither arbeiten wir wieder wie vor hundert Jahren“, seufzt der Werftchef. Praktisch unter freiem Himmel. Schlimmer noch ist der Zeitverlust. „Wir haben gut eine Woche verloren“, sagt Frauken Maier, Assistentin der Geschäftsleitung. „Wir bekommen das wieder in den Griff – aber die Farbarbeiten müssen jetzt an der Ausrüstungspier gemacht werden – unter schwierigeren Bedingungen.“

Dabei verdient die „Amazon Warrior“ trotz des ungewöhnlichen Auftritts mehr als einen zweiten Blick. Die FSG-Baunummer 760 ist nämlich das erste von zwei sehr innovativen Seismik-Schiffen, die später weltweit die Gründe der immer knapper werdenden Rohstoffressourcen in den Weltmeeren beackern sollen. Also vornehmlich dort, wo es auch gerne mal ungemütlich wird. Auftraggeber ist der Londoner Geophysik-Dienstleister WesternGeco, eine Tochter der weltweit in der Erforschung und Überwachung von Öl-Lagerstätten tätigen Schlumberger-Gruppe. Nicht ohne Grund sind die beiden „nur“ 127 Meter langen Spezialschiffe für den Werftdirektor daher etwas ganz Besonderes. „Was bislang Theorie war, ist nun für jedermann sichtbar. Wir bewegen uns stolz und selbstbewusst in einem neuen Marktsegment, das gute Chancen für die Zukunft bietet.“

„Amazon Warrior “und ihr Schwesterschiff werden Monate bis Jahre nahezu ununterbrochen auf See verbringen. Im weltweiten Einsatz einschließlich arktischer Zonen und bei widrigstens Wetterbedingungen. Deshalb stehen für Werft und Reeder beim Bau Zuverlässigkeit, Ausdauer und Komfort für die Besatzungen im Vordergrund. „Es war sicher eine mutige Entscheidung für WesternGeco, und mit diesen Neubauten zu beauftragen, denn wir hatten noch nie zuvor ein Offshore-Schiff gebaut “, so Sierk. Ausschlaggebend für den Auftrag seien die bekannten Tugenden der Flensburger Werft gewesen: Qualität, Innovation, Pünktlichkeit. „Wir sind richtig stolz!“, so Sierk gestern während des Stapellaufs, der wegen der Sturmschäden unter Ausschluss der Öffentlichkeit gefeiert wurde.

Auftrag der FSG wird sein, eine sichere Plattform für wissenschaftliches Arbeiten in unwirtlichen Meeresregionen abzuliefern. Das komplexe Rechenzentrum wird im letzten Schritt von einem anderen Dienstleister gebaut. Und dann wird es irgendwann auch Zeit, dass das Hallendach repariert wird. Aber dieses Unterfangen scheint noch komplexer als der Bau eines Offshore-Prototyps. „Im Moment, so Werftchef Sierk, „geht das nicht, weil wir die Kräne nicht nutzen könnten.“ Der passende Moment will wohl erwogen sein, um im Plan zu bleiben. Solange wird es wohl durchs Dach regnen.

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