Niesgrau : Am Ende hat der „Standesbeamte“ das Wort

Nach den Formalien einer Jahresversammlung tritt Lars Neumann als „Standesbeamter“ der Wehr Niesgrau-Koppelheck in Aktion.
Nach den Formalien einer Jahresversammlung tritt Lars Neumann als „Standesbeamter“ der Wehr Niesgrau-Koppelheck in Aktion.

Lars Neumann entgeht fast nichts im Leben seiner Kameraden.

shz.de von
23. Januar 2018, 13:40 Uhr

Seit vielen Jahren gibt es bei der Feuerwehr Niesgrau-Koppelheck ein Kuriosum. Sobald die Regularien der Jahresversammlung der seit 126 Jahren bestehenden und aktuell 46 Mitglieder zählenden Wehr abgewickelt sind, tritt Lars Neumann in Aktion. Sein Auftritt wird jedes Mal mit viel Spannung erwartet und mit großem Hallo eingeleitet. „Was gibt es diesmal?“, fragen sich die Aktiven und erteilen ihrem „Standesbeamten“ das Wort. Und Standesbeamter Lars Neumann hat viel zu berichten, denn er hat das Jahr über ganz genau hingeschaut, und zusammen getragen, was sich ereignet hat.

Als „Standesbeamter“ der Feuerwehr Niesgrau-Koppelheck beurkundet er freilich keine Eheschließungen, sondern listet auf, was ihm in der Gemeinde aufgefallen und seiner Ansicht nach besondere Erwähnung verdient. Darüber berichtet er schließlich in der Jahresversammlung seiner Wehr.

„Du hest een niees Auto kreegen. Dat freut uns alle“, sprach der „Standesbeamte“ diesmal einen Kameraden an und fügte hinzu: „Du weetst, wat dat kost“. Mit diesen Worten enden stets die Anmerkungen des Standesbeamten und jeder weiß, was das zu bedeuten hat: Die Portemonnaies werden gezückt, um eine Runde auszugegeben.

Sei es besagtes neues Auto, eine neue Satelliten-Schüssel auf dem Dach oder Familienzuwachs – dem „Standesbeamten“ entgeht fast nichts. Das sind in der Regel persönliche Dinge, der Bericht ist nie böse gemeint, sondern immer in freundliche Worte verpackt. Erwähnung finden aber auch wirkliche Verfehlungen. Dazu gehören auch Verstöße gegen die Kleiderordnung. Wer beispielsweise seinen Schlips nicht ordentlich gebunden hat, der wird gerügt und das zeigt Wirkung, kommt nicht wieder vor. So gesehen: „Pädagogisch wertvoll.“

Im Hauptberuf ist der 55-jährige Beamte bei der Bundeswehr der Fernmeldeaufklärungseinheit in Stadum, ist Gemeindevertreter und seit 27 Jahren Mitglied der örtlichen Feuerwehr. Er ist Löschmeister, stellvertretender Gruppenführer, Sicherheitsbeauftragter und seit 1991 eben auch „Standesbeamter“, eine Feuerwehrfunktion, die er seinerzeit von seinem Vater übernommen hat.

Weil stets das Positive hervorgehoben wird, nimmt keiner dem Standesbeamten auch kritische Anmerkungen krumm, so lässt sich auch unterschwellige Kritik an den Kameraden bringen. Wer ins Visier von Lars Neumann geraten ist, weiß, dass eine Runde fällig ist. Damit sind dann aber die Vorkommnisse auch abgehakt, erledigt. Lars Neumann beobachtet das Benehmen seiner Kameraden sehr genau, hat stets sein Notizbuch dabei, findet für jeden der Aktiven passende Worte.

Zu den besonderen Vorkommnissen im vergangenen Jahr gehörte ein Übungsabend, bei dem es darum ging, wie in einem Notfall eine Tür geöffnet werden kann. Dafür hatte ein Bürger sein Haus als Einbruchs-Ausbildungswerkstatt zur Verfügung gestellt. Für diejenigen, die sich mit dem Öffnen einer Tür, wie es in einem Notfall erforderlich ist, um Menschen zu retten, befassten, gab es im nachhinein Lob vom Feuerwehr-“Standesbeamten“: „Das habt ihr super gemacht.“ Klar, dass sich die Türöffner nicht lumpen ließen, sondern eine Runde ausgaben.


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