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Geflohene in Flensburg : Am Dammhof gibt ein Syrer Deutsch für Flüchtlinge

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau besucht eine Unterkunft und den Anschlagsort an der Travestraße.

shz.de von
erstellt am 21.Okt.2015 | 11:00 Uhr

Flensburg | Wer die neue Flüchtlingsunterkunft der Stadt am Dammhof mit dem Fahrrad besucht, wird von einem kleinen syrischen Jungen sofort freundlich begrüßt und zum Fahrradständer geführt.

Seit drei Wochen gibt es hier Unterkünfte für maximal 68 Flüchtlinge. Ein letztes Zimmer für eine Familie ist noch frei. Einer der Geflohenen spricht ein fast perfektes Deutsch: Husein Alali hat in Syrien Germanistik studiert, so dass er neben den Betreuern zusätzlich übersetzen kann. Husein bittet in die Gemeinschaftsküche, bietet Tee oder Kaffee an. Nebenan bruzzelt Fertigpizza in einem der vier Backöfen. Im Flur flimmert auf einem Fernsehgerät saudi-arabisches TV.

Husein Alali ist vor anderthalb Monaten in Deutschland angekommen. Er kam mit dem Schlauchboot übers Mittelmeer und erreichte Flensburg nach 23 Tagen. Da lässt es sich auch ertragen, wenn man das Schlafzimmer mit fünf anderen Männern teile. „Es geht“, sagt er, auch bei denen, die mit acht Personen ein Zimmer teilen. „Wir bedanken uns bei allen deutschen Leuten, die uns geholfen haben und fühlen uns hier wie zu Hause“, übersetzt er das Statement eines Mitbewohners. Hier leben neben Syrern auch Männer und Frauen aus Eritrea sowie je eine Familie mit zwei bzw. drei Kindern aus dem Irak und aus Syrien. Husein hat auch schon einen Termin für seine Anhörung – am 13. Januar in Neumünster. Seine Familie ist noch in Syrien. „Ich kann hier nicht arbeiten, bis ich das Aufenthaltsrecht bekomme“, sagt er. Alle hier würden lieber arbeiten als hier zu sitzen.

Einen ehrenamtlichen Job hat Husein schon – er unterrichtet die Bewohner abends an einer Tafel in Deutsch. Die Stifte sind schon etwas knapp. Husein ist nicht der einzige Akademiker hier. Auch ein Maschinenbau-Ingenieur und ein Wirtschaftsstudent sind unter den Geflohenen.

Ein anderer Bewohner berichtet, dass er gerne mit Leuten Fußball spielen würde. Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (Linke), die gestern die Unterkunft am Dammhof besuchte, zeigte sich angetan von der Unterbringung: „Ich habe schon sehr viele Notunterkünfte gesehen, in Bürogebäuden ohne Duschen“, erklärte sie. Und Stadtpräsidentin Swetlana Krätzschmar erklärte, man müsse versuchen, den Leuten sinnvolle Beschäftigungen zu ermöglichen.

Dann führt die Stadtpräsidentin Pau an den Ort des Brandanschlags an der Travestraße. Statt neue Erkenntnisse fand man dort gestern Morgen ein Plakat mit rechten Parolen an der Bushaltestelle gegenüber. Die Kripo Flensburg erklärte dazu, sie sehe die handschriftlich verfassten Plakate eher als Spur im Fall des Anschlags denn als eigenes Delikt der Volksverhetzung.

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