Schlecker in Flensburg : "Als ob ich zu Hause ausziehen muss"

Gerade erst 25-jähriges Dienstjubiläum bei Schlecker gefeiert - jetzt steht Mitarbeiterin und 'Belegschaftsunterstützerin' Doris Book vor einer ungewissen Zukunft. Foto: Dommasch
Gerade erst 25-jähriges Dienstjubiläum bei Schlecker gefeiert - jetzt steht Mitarbeiterin und "Belegschaftsunterstützerin" Doris Book vor einer ungewissen Zukunft. Foto: Dommasch

Endzeitstimmung und Abverkauf bei Schlecker in Flensburg: Während die Mitarbeiter vor einer ungewissen Zukunft stehen, räumen die Kunden in Scharen die Regale leer.

shz.de von
21. März 2012, 08:00 Uhr

Flensburg | Mitfühlend blickt die Kundin auf die Frau an der Kasse, legt langsam ihre Waren auf den Tresen. "Und was wird jetzt aus Ihnen?", fragt Jutta May zögernd. Seit Jahren kauft sie bei "ihrem" Schlecker ein. Doris Book hebt ratlos die Schultern. "Ich weiß es doch auch nicht", antwortet sie. Von der Kaufsumme zieht sie 30 Prozent ab. Abverkauf. Am Sonnabend ist Schicht im Schacht bei Schlecker an der Engelsbyer Straße in Flensburg.
An dem Kittel der Verkäuferin hängt ein Button der Gewerkschaft Verdi. "Belegschaftsunterstützerin" steht darauf. Blauer Schriftzug neben roter Rose. Erst letzten Monat hat Doris Book 25-jähriges Jubiläum als Mitarbeiterin der nun insolventen Drogeriekette gefeiert. "Wir wussten schon lange, dass etwas nicht stimmt", sagt sie. "Doch dass es so schlimm kommen würde..."
"Hier war die Hölle los"
Der Markt ist einer derjenigen, die der Konzern über die Klinge springen lässt. Genau so fühlt sich auch Doris Book. "Es ist, als ob ich von zu Hause ausziehen müsste." Dabei ist sie noch vergleichsweise gut dran. Sie arbeitet 20 Stunden die Woche, ein Verlust des Arbeitsplatzes wäre für sie nicht existenzbedrohend. "Im Gegensatz zu vielen anderen Kolleginnen", fügt sie an.
In Engelsby wird Schlecker künftig nur noch an der Beethovenstraße vertreten sein. "Ich verstehe nicht", sagt Jutta May, "warum man ausgerechnet diesen Laden schließt? Wirklich traurig." Eine andere Kundin pflichtet ihr bei. "Das lief hier doch eigentlich ganz gut", findet sie. Doch noch nie lief es so gut wie von Donnerstag bis Sonnabend vergangener Woche. "Hier war die Hölle los", sagt Doris Book. 30 Prozent billiger - das zieht. Entsprechend leer geräumt sind die Regale. "Weißer Riese" auf weiter Flur, einige Waren komplett ausverkauft.
"Es gab doch weiß Gott wie viele Läden"
"Das ist bei Schlecker ja nichts Seltenes", meint Kirsten Nierhoff kritisch. Das Sortiment immer knapp bemessen, Nachschub sei oft viel zu spät eingetroffen. "Die Windeln, die ich für meine Kinder brauchte, waren jedenfalls meistens schon weg." Dennoch ist sie froh, dass der Markt in ihrem Heimatdorf Wees unangetastet bleibt.
"Es gab doch weiß Gott wie viele Läden", sagt Ingrid Evers. "Das konnte einfach nicht gut gehen." Sie wohnt am Twedter Plack. Vor einigen Jahren schon hat Schlecker dort seinen Rückzug aus der Passage angetreten. Ingrid Evers kauft seitdem bei Rossmann. "Schon damals", sagt sie, "sind viele Kunden dorthin gewechselt."
Die Angst um den Arbeitsplatz hat bald ein Ende - so oder so
Allein in Flensburg gab es bis vor wenigen Jahren noch 13 oder 14 Schlecker-Läden. Wenn die Engelsbyer Straße und die Bachstraße in Jürgensby Sonnabend schließen, bleiben vier - neben der Marienallee auch die zwischenzeitlich bedrohten Läden Getrudenstraße, Beethovenstraße und am Ochsenweg in Weiche. Was der Flensburger Betriebsrat auch erst am Wochenende erfuhr: "Für die drei Verkaufsstellen, die ursprünglich geschlossen werden sollte, sind gar keine Leiterinnen mehr vorgesehen", sagt dessen Vorsitzende Ingrid Ries. Sie sitzt auch in der Bundestarifkommission, die am Wochenende vom Transfertarifvertrag bis zum Sozialplan noch allerhand für die Mitarbeiter herausgeholt habe.
Wen es schließlich von den 86 Schlecker-Damen zwischen Langballig und Niebüll treffen wird, wissen bislang nicht einmal die Betroffenen. Der Gesamtbetriebsrat des insolventen Drogerie-Konzerns hat am Wochenende die Personallisten sichten und der Namensliste zustimmen müssen.
Die Angst um den Arbeitsplatz hat nun bald ein Ende - so oder so. Gerade reisen Betriebsrat und Bezirksleitung von Filiale zu Filiale, um die betroffenen Mitarbeiter persönlich zu informieren. Dass im Laden an der Bachstraße das Toilettenpapier bereits ausverkauft ist, ist da ein eher marginales Problem.

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