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150 Jahre Flensburger Tageblatt : Als Flensburgs Wasser laufen lernte

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Vom Eimerschleppen zum Wasserhahn: 1882 rechnet Flensburg positiv mit dem Großprojekt Wasserwerk ab.

Flensburg | Die Flensburger brauchten lange, um eine zivilisatorische Errungenschaft schätzen zu lernen: Frisches Wasser aus der Leitung ist doch praktischer als das ewige Eimerschleppen! Ein langer Weg, der dem Flensburger Zivilingenieur C. J. Hansen viel Stehvermögen abverlangte. Hansen hatte seinen Mitbürgern vorgeschlagen, die alte Brunnen-basierte Wasserversorgung durch ein modernes, an einem zentralen Wasserwerk hängendes Rohrnetz zu ersetzen. Sein Vorschlag wurde allerdings nicht mit Begeisterung, sondern mit Empörung aufgenommen und zog einen jahrelangen öffentlichen Streit nach sich. Anfang 1882 lieferte der Erbauer des Wasserwerks der Stadt seinen Rechenschaftsbericht.

Das Misstrauen war vielleicht dem Abschied von mittelalterlichen Traditionen geschuldet. Angesichts des Wasserreichtums der Stadt erschien es vielen Flensburgern vertrauter, direkt aus dem Quell zu schöpfen, als über Rohre aus Metall beliefert zu werden. Und Quellen gab es viele an den Hängen der Stadt. Die Versorgungsstruktur ging auf das 16. Jahrhundert zurück. Die meisten Hausbesitzer hatten an Quellen gebaut oder sich zu Wasserwirtschaftsgemeinschaften zusammengeschlossen, die das Quell- und Brunnenwasser über hölzerne Röhren auf die Grundstücke leiteten. Den öffentlichen Zugang der ärmeren Bewohner sicherten 34 öffentliche Stadtbrunnen, für die sogenannte Sootgemeinschaften die Verantwortung übertragen bekommen hatten.

Mitte des 19. Jahrhunderts war die Zeit der vielen Brunnen zu Ende gegangen. Holzleitungen waren durch Rohre aus Ton ersetzt worden, statt Brunnen standen am Straßenrand eiserne Pfosten mit Pumpenschwengel. Unverändert hingegen war der verschwenderische Umgang mit dem Lebensmittel Wasser. 1874 zählte man mehr als 180 Brunnen, die pro Minute bis zu 360 Liter förderten. Der Überschuss aber lief ungenutzt in die Siele. Ökologische Erwägungen dürften kaum die Hauptrolle gespielt haben. Eher hygienische. Der viel gepriesene Flensburger „Wasserschatz“ nämlich stand im Licht der jungen bakteriologischen Wissenschaft gar nicht so gut da. Eine 1874 durch die Regierung angeordnete Untersuchung förderte Unappetitliches zu Tage: In einem Probebrunnen fand sich freies Ammoniak, von verwesenden organischen Substanzen herrührend, vornehmlich von Friedhöfen und Düngerhaufen. Von den 1874 bis 1876 festgestellten 673 Erkrankungs- und 63 Sterbefällen einer Typhus-Epidemie hatten viele nachweislich Zugang zu verschmutztem Wasser gehabt.

Etliche Brunnen mussten daraufhin polizeilich geschlossen werden – doch dem von den Flensburgern nach wie vor abgelehnten Projekt nutzte das nichts. Oberbürgermeister Toosbüy waren ohne Zustimmung der Bürger die Hände gebunden. Mittlerweile sprach das ganze Land über die störrischen Flensburger, die am Ende durch ein buchstäblich einleuchtendes Argument zur Räson gebracht wurden: Die große Gefahr einer Feuersbrunst.

Ermittlungen hatten ergeben, dass nur 989 Häuser mit genügend Löschwasser versehen seien. Bei 248 hingegen sei die Versorgung ungenügend, bei 358 gar nicht gegeben, schrieb der Kieler Landesdirektor dem Flensburger Kollegen Toosbüy. Am 20. Juli 1879 beschloss das Stadtcollegium, Hansen mit dem Bau einer allgemeinen städtischen Wasserversorgung zu beauftragen – komme, was da wolle.

Der Ingenieur war vorbereitet. Er hatte längst das Wasserwerk auf eine von aktuell 28  000 bis auf 50  000 Einwohner wachsende Bevölkerung berechnet. Die im Sommer folgenden Beprobungen von 86 Brunnen filterten beim Ostseebad die besten und reichhaltigsten Vorkommen für das Vorhaben heraus. Die dort vorhandenen Quellen und Brunnen lieferten bereits eine Tagesmenge von 4000 cbm „vortrefflichen Wassers“, zusätzlich ließen sich weitere Brunnen bohren, die nach den Berechnungen Flensburgs Wasserbedarf für alle Zeiten vollauf decken würden. Die Stadt sicherte sich Quellen und Brunnen durch Grundstückskäufe, am 18. November 1879 begann das große Buddeln. Es ging um die Verbindung von sechs Quellen, 16 gebohrten Brunnen, einem Sammelbassin, einem Maschinenhaus, einem Kesselhaus mit Kohleschuppen, zwei Wohnhäusern, einem Hochbehälter in der Mühlenstraße – und ein vollständiges Stadtrohrnetz mit 197 modernen Hydranten für den Brandschutz.

Zur schnelleren Fertigstellung des 25 Kilometer langen Leitungsnetzes wurden in allen Straßen gleichzeitig Arbeitskolonnen in Tag- und Nachtschicht eingesetzt. Vor Einbruch des Winters 1880 war man fast am Ziel. Das Rohrnetz war fertig, der 54 Meter hoch gelegene unterirdische Wasserspeicher an der Mühlenstraße (erst 1902 kam der Wasserturm) ebenso, in den Gebäuden am Ostseebad wurden die Maschinen montiert, 300 Gebäude in der Stadt waren schon angeschlossen, die Tests erfolgreich – bis auf einen: Nach zeitgenössischen Berichten wurde bei einer Spritzenübung vor dem Rathaus am 30. Dezember 1880 der Stadtkassierer Petersen „nicht unerheblich“ verletzt, weil beim Öffnen des Hydranten ein kräftiger Wasserstrahl die Fensterscheiben der Stadtkasse zerstört hatte. Des einen Leid, des anderen Freud: Das Löschkorps war über die druckvollen Möglichkeiten begeistert – ersetzte Hansens Schöpfung doch das mühsame und längst nicht so ergiebige Pumpen.

Am 1. April wurde das Flensburger Wasserwerk im Beisein von Oberbürgermeister Toosbüy offiziell in Betrieb genommen. Und die skeptischen Flensburger? Wurden schnell Freunde der Bequemlichkeit. Hansens erster Rechenschaftsbericht vom 8. Februar 1882 zählte bereits 910 Hausanschlüsse – mit erfreulichen Zuwachszahlen. Das mag auch daran gelegen haben, dass die Stadt die neue Infrastruktur selbst finanziert hatte. Und anders als bei heutigen Großprojekten waren die Ergebnisse besser als versprochen. Die Maschinen arbeiteten günstig, leisteten mehr als erwartet, so Hansen in seiner Bilanz. Anders als bei heutigen Großprojekten blieb der Bau auch im Kostenrahmen. Das komplette Wasserwerk hatte 476  466,18 Mark (heute ungefähr sechs Millionen Euro) gekostet. Veranschlagt waren 500  000 Mark. Die Punktlandung eines Flensburger Ingenieurs, von der heute noch alle Bürger profitieren.

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erstellt am 05.Mär.2015 | 16:00 Uhr

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