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150 Jahre Flensburger Tageblatt : Als Flensburg den Ton angab

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Marine entdeckt die Funken-Telegraphie: In Mürwik wurde Hochtechnologie unterrichtet: / 100 Jahre Ausbildung an der Fernmeldeschule

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erstellt am 28.Apr.2015 | 12:37 Uhr

Das Flottenwettrüsten zwischen England und dem Reich von Wilhelm II. schlug sich nicht nur im Bau immer größerer, schnellerer, besser bewaffneter Panzerschiffe nieder. Es hatte auch eine unsichtbare Dimension. Die drahtlose Kommunikation über große Distanzen – die Funken-Telegrafie. Durch kaiserlichen Befehl waren bereits 1903 mit Braun/Siemens und Slaby/Arco/AEG die in Deutschland führenden und konkurrierenden Gruppen zur Telefunken AG fusioniert. Das Berliner Weltunternehmen lieferte die damalige Hochtechnologie, die notwendige Schulung erfolgte in Flensburg. Die gerade fertig gestellte Torpedoschule war Basis der Ausbildung in der Funken-Telegraphie, die mit der rasanten Ausbreitung einen rasanten Personalbedarf nach sich ziehen sollte. Einen Ausbildungstestlauf hatte es 1901/1902 mit Mannschaftsdienstgraden und Unteroffizieren gegeben, ab November 1905 wurden auch die Stabsoffiziere in Flensburg ausgebildet – das war der Beginn der Fernmeldeausbildung in Flensburg, die erst 2002 mit dem Auflösung der Marinefernmeldeschule Mürwik enden sollte.

Der Marine-Kaiser hatte die Möglichkeiten der neuen Technologie schnell erkannt. Bis Ende des 19. Jahrhunderts hatten Kriegsschiffe zur Nachrichtenübermittlung Lichtzeichen oder Signalflaggen im Arsenal. Die neue Technik aber, die über hundert Kilometer und mehr Kommunikation nach dem Morse-Alphabet ermöglichte, war ein Führungselement von enormer taktischer Tragweite – und auch hier war Wettrüsten. Der Italiener Guglielmo Marconi trieb die neue Technik in Großbritannien voran, in Deutschland Ferdinand Braun. Beide sollten dafür 1909 mit dem Nobelpreis geehrt werden.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann Flensburg als kaiserlicher Flotten- und Ausbildungsstützpunkt gerade erst zu wachsen. Im Juni 1903 hatte Wilhelm der Verlegung der Marineakademie von Kiel nach Flensburg zugestimmt; auf dem Gelände des ehemaligen Marinestützpunkts (jetzt Sonwik) gab es es seit 1901 eine Torpedostation an Land. Das Torpedo-Versuchsschiff „Friedrich Carl“ und die Hulk „Blücher“ – eine zum Quartier- und Schulschiff umgebaute hölzerne Korvette von 1877 – waren die bescheidenen Anfänge der Funkerausbildung in Flensburg.

Zur Versuchsstrecke der Schule zählten zwei Landstationen – die Station Mürwik und die Station Parkhotel (heute Swinemünder Straße 12), die mit der „Blücher“ den Übungsverkehr in Lang- und Kurztönen des Morsealphabets abwickelten – eine Technik mit Tücken. So heißt es in zeitgenössischen Quellen: „Die Verbindung zwischen der Blücher zu den Landstationen brach meistens dann ab, wenn die Blücher zu den Ochseninseln bei Glücksburg fuhr. Die Verbindung konnte wiederhergestellt werden, wenn man einen (an 180 Meter Drahtseil hängenden, Anm. d. Red.) Drachen steigen ließ.“ Leider waren nicht alle Tücken so harmlos. Am 6. November 1907 zerriss eine Dampfkesselexplosion die Blücher und 15 Marinesoldaten. Als Ersatz wurde eine ehemalige Segelfregatte nach Flensburg verlegt – aber bewohnbar war die „Niobe“ (Baujahr 1849) wegen einer Rattenplage nur für eine Nacht. Das Schiff wurde abgewrackt.

Der rasante technische Fortschritt – Sprechfunk, Fernschreib-Betrieb, Verschlüsselungstechniken – sorgte für ständig steigenden Personalbedarf und zog ständige Ausweitungen der Lehrgänge nach sich. Das änderte sich auch mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges nicht. 1918 musste die Funktelegraphie-Schule zwar nach Swinemünde umsiedeln. Als Marine-Nachrichtenschule kehrte die Ausbildung aber im August 1920 wieder zurück. Ihre heute bekannte Form nahm sie erst in den 30-er Jahren an. Wieder wachsender Personalbedarf – Hitlers Reichsmarine wurde aufgerüstet – führte zum Bau von vier großen Kasernengebäuden.1938 folgte ein Erweiterungsgebäude. Die Gebäude der Torpedo- und Telegraphieschule wurden für den Marine-Stützpunkt teilweise abgerissen, Gebäudereste sind noch vorhanden – unkenntlich als Bestandteil des neues Stadtteils Sonwik und der Sanitätsstaffel der Bundeswehr. Bis Ende des Zweiten Weltkrieges arbeitete die Marinenachrichtenschule Mürwik noch unter Vollast. Über ihre Funkanlagen wurden viele Evakuierungsmaßnahmen über See für die Zivilbevölkerung und Wehrmacht aus dem Osten geleitet.

Von 1944 bis 1946 beherbergte die Kasernenanlage die Polizeischule Schleswig-Holstein, ihr folgten norwegische und britische Soldaten, zwischenzeitlich zog auch der Bundesgrenzschutz ein. Mit dem Eintritt der Bundesrepublik in die Nato und der Gründung der Bundeswehr im November 1955 begann ab 1. November 1956 wieder die Funk-, Signal- und Fernschreibausbildung in der Marinefernmeldeschule in Mürwik. Im September 2002 – nach 100 Jahren in mittlerweile denkmalsgeschützten Mauern – war dieses Kapitel beendet. Die Flensburger Ausbildungsanteile der MfsM gingen über in die Marineoperationsschule in Bremerhaven – den klassischen Funkoffizier gab es da schon lange nicht mehr.

Der Tradition des Tastenfunks hielt die Marine in Flensburg bis zuletzt die Treue und darf für sich in Anspruch nehmen, einen wesentlichen Beitrag dafür geleistet zu haben, dass die Morsetelegraphie im Dezember 2014 ins deutsche Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde. Die Kasernenanlage beherbergt seit 2003 die Schule Strategische Aufklärung.

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