Luftbild von der Neustadt damals und heute : Als die Werft an der Werftstraße lag

Die Werft auf dem Westufer markiert den Übergang von Segel- zu Dampfschiffen. Dahinter erstreckt sich die Harrisleer Straße. Foto: Stadtarchiv
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Die Werft auf dem Westufer markiert den Übergang von Segel- zu Dampfschiffen. Dahinter erstreckt sich die Harrisleer Straße. Foto: Stadtarchiv

Zwei Blicke über die Flensburger Neustadt: In hundert Jahren hat sich der Norden der Stadt stark verändert

shz.de von
21. Juli 2012, 06:35 Uhr

Flensburg | Vor hundert Jahren, am 11. August 1912, flog der Zeppelin "Hansa" über die Stadt. Die Flensburger waren aus dem Häuschen. Mit an Bord: Ein Fotograf mit seiner gewaltigen Plattenkamera, der die ersten Luftbilder der Stadtgeschichte aufnahm. Zum Jubiläum hat die Stadtredaktion diese Aufnahmen von damals Luftbildern der Gegenwart gegenübergestellt und präsentiert zusammen mit dem Stadtarchiv in zehn Folgen ein einmaliges Dokument der städtischen Entwicklung und Veränderung.

Flensburger Werftgeschichte pur hat der Fotograf auf der alten Aufnahme festgehalten. Nahezu wie ein gezeichneter Plan können die Anlagen der Werft studiert werden.

Die Flensburger Werft markierte mit ihrem Gründungsjahr 1872 den Übergang vom Segel- zum Dampfschiff. Ihrer Gründung lag der Entschluss mehrerer mutiger und weitsichtiger Flensburger zu Grunde, die erkannt hatten, dass dem stählernen, vom Wind unabhängigen Dampfschiff die Zukunft in der Seefahrt gehörte. So investierten sie 1869 in die erste Flensburger Dampfer-Reederei und riefen drei Jahre später die Flensburger auf zur Zeichnung von Aktien für die Flensburger Schiffsbau-Gesellschaft. Deren Schwerpunkt sollte der Bau der neumodischen "Smeuk-Ewer" sein. Offizielles Gründungsdatum ist der 26. September 1872.

Die Stadt stand dem Vorhaben positiv gegenüber und stellte ein Grundstück auf der Hafenwestseite zur Verfügung. Der erste Geschäftsbericht nennt eine Kaufsumme von 21 000 Talern. Die Stadt räumte der Werft die Option ein, für Erweiterungen das nordwärts anschließende Gelände übernehmen zu können.

Doch angesichts der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung des Unternehmens fiel die Entscheidung für eine große Lösung: den Bau einer neuen Werft am Ostseebad. Ab 1900 wurde dort das Gelände aufgeschüttet, zwei Jahre später begann der Schiffbau. Das Gelände an der Werftstraße - nun die "Alte Werft" - erhielt seine neue Aufgabe als Ausrüstungswerft. Acht Jahre nach dieser Umstrukturierung entstand das alte Luftbild.

Sicherlich sind darauf noch ursprüngliche Strukturen des früheren Werftbetriebes zu sehen, nur nicht mehr das Zentrum des Geschehens, die drei Helgen. Sie wurden abgebrochen, der unaufgeräumte Lagerplatz unten links im Bild markiert noch den alten Schiffbauplatz. Wichtige Einnahmequelle für die FSG war damals das Schwimmdock, womit für etliche Reedereien Reparaturen an deren Schiffen möglich waren. Erhalten war 1911 auch noch der alte 100-Tonnen-Dreibeinkran (rechts vom Schwimmdock), mit dem noch Motoren in die auf der neuen Werft gefertigte Rümpfe gehoben wurden. Das Ende des Betriebes an der Werftstraße kam 1970, als die Ausrüstungsarbeiten zur neuen Werft verlegt wurden.

Der Blick über die Werftstraße hinaus vermittelt einen Eindruck des förmlich explodierenden Flensburgs. Erst 1796 hatte der Flensburger Rat die Bebauung außerhalb der alten Stadtgrenzen erlaubt. Seitdem durfte auch nördlich des Nordertores gebaut werden. Viel später hätte diese Entscheidung auch nicht fallen dürfen, um nicht die positive wirtschaftliche Entwicklung durch fehlenden Platz in der Altstadt abzuwürgen. Die Vielzahl der Schornsteine im Gebiet der Neustadt ist Beleg für diesen Schub.

Ein Saurier der Flensburger Industriegeschichte ist auf dem neuen Luftbild dank Aufarbeitung seiner gelben Ziegelfassade noch deutlicher zu erkennen als auf der Aufnahme von 1912: die Walzenmühle in der Neustadt. Ihre schnelle, kostengünstige Arbeit unabhängig vom Wind kostete etlichen Windmühlenbesitzern die Existenz. Rechts hinter der Walzenmühle ist einer der vielen preußischen Militärbauten sichtbar: die Kaserne Junkerhohlweg. Zieht der Betrachter vom Schwimmdock eine gerade Linie hin zum oberen Bildrand, trifft er auf die markante Bahn der Harrisleer Straße, die sich hügelaufwärts nach Westen zieht. Oben rechts ist die einstige Ziegelei am Katharinenhof erkennbar.

Vom Werftbetrieb ist auf dem neuen Luftbild nichts mehr zu sehen. Lediglich die Hallen am Wasser und ihre Geschichte schlagen noch eine Brücke. Um sich ein Standbein jenseits des Schiffbaus zu schaffen, richtete die FSG 1963 auf der Alten Werft einen Reparaturbetrieb für Kettenfahrzeuge ein: die Fahrzeugwerke Nord, an der MAN beteiligt war. 1980 stieg MAN aus, der Flensburger Betrieb wurde zur Flensburger Fahrzeugbau-Gesellschaft. Sie geriet in Schwierigkeiten mit der Wende 1989 und dem Ausbleiben der Bundeswehr-Aufträge.

In der Bildecke oben links ein Teil der Waldstraße, an deren oberen Ende die drei Hochhäuser und der Platz der dänischen Sportanlagen. Die große Grünfläche des Eckener-Platzes und die regelmäßig angeordneten Mehrfamilienhäuser der Eckenerstraße fallen in der linken Bildhälfte auf. Das Gebäude mit den blauen Flächen war Produktionsstätte für Motorola, bevor in Weiche der Neubau bezogen wurde.

Etwas weiter rechts liegt der dunkelrote Ziegelbau der Bundeswehr an der Meiereistraße, im Zweiten Weltkrieg als Panzerkaserne gebaut. Dieser Standort sollte ausrückenden Panzerverbänden über die Harrisleer Straße und weiter über die Betonstraße einen schnellen Weg nach Südtondern sichern im Fall einer Invasion der Alliierten an der Nordseeküste. Das obere Ende der Harrisleer Straße wird jetzt vom Hochhaus markiert. Links von der Straße ist am oberen Bildrand noch der Schornstein des Reserve heiz werkes am Lornsendamm zu sehen. Die Bau’er Landstraße wird heute wie damals deutlich erkennbar durch Petrikirche und Bergmühle. Oben an der Bau’er Landstraße zweigt nach rechts die Straße Am Katharinenhof ab. Hinter der Reihe Bäume am Straßenrand stehen die Blöcke der früheren Grenzlandkaserne.

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