150 Jahre Flensburger Tageblatt : Als die Setzmaschinen klapperten

Zeitung im Umbruch: Militärfahrzeuge der britischen Besatzer vor dem Verlagshaus Nikolaistraße im ersten Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
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Zeitung im Umbruch: Militärfahrzeuge der britischen Besatzer vor dem Verlagshaus Nikolaistraße im ersten Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Die wechselvolle Geschichte einer Zeitung: Wie aus den Flensburger Nachrichten das Flensburger Tageblatt wurde.

shz.de von
26. Januar 2015, 18:00 Uhr

Flensburg | 150 Jahre deutschsprachige Nachrichten für Flensburg – das Flensburger Tageblatt steht in der langjährigen Tradition der deutschen Zeitung für die Stadt. Vorläufer waren die Flensburger Nachrichten, gegründet 1865. Ihr erstes Erscheinen im Sommer jenes Jahres ist Anlass, in diesem Jahr an das Jubiläum zu erinnern. Die ersten Flensburger Nachrichten waren noch nicht das, was der Kunde heute als Tageszeitung kennt: mit täglichem Erscheinen und Zustellung am Morgen. Die Worte In eigener Sache oben auf Seite 1 der neuen Zeitung kündigten das Erscheinen des Blattes für Dienstag, Donnerstag und Sonnabend an – immer mittags.

1865 bis 2014 – eineinhalb Jahrhunderte, in denen Europa umgekrempelt wurde. Wechselvoll ist auch die Geschichte der Zeitung. Ein Überblick:

Erster Herausgeber einer deutschen Zeitung in Flensburg war der aus Kolding stammende Apotheker Ponton. Er hatte einen tüchtigen Drucker und Expedienten: Ludolf P. H. Maaß, der aus Itzehoe nach Flensburg gekommen war. Maaß wollte unbedingt selbst Zeitungsverleger werden. Er erreichte sein Ziel 1866, als die Lizenz von Ponton auf ihn übertragen wurde. Damit war er Eigentümer, Drucker, Herausgeber und Redakteur in einer Person. Als Ludolf Maaß 1892 an einem Schlaganfall starb, war seine Zeitung etabliert. Die Nachfolge trat sein Sohn Friedrich an, der die Zeitung 30 Jahre lang ebenfalls erfolgreich führte.

In der Zeit kam es zu einer bemerkenswerten Eheschließung. Als freier Mitarbeiter für die Flensburger Nachrichten arbeitete nach seinem Studium Hugo Eckener, der später als Luftschiffkapitän Weltruhm wie kein zweiter Flensburger erlangen sollte. Eckener war, würden wir heute sagen, Kulturkritiker der Zeitung. Damals lernte er Johanna Maaß kennen, die Tochter des Herausgebers. Sie heirateten. Die tägliche Kolumne von Tante Maaß auf der ersten Lokalseite erinnert seit den 1980er-Jahren an Johanna Maaß.

Friedrich Maaß starb 1921, ein Jahr nach der deutsch-dänischen Volksabstimmung. Vor dem Abstimmungstermin hatte die Zeitung mit Nachdruck die deutsche Position vertreten. 1922/23 zog die Hyperinflation ihre Spuren durch das Wirtschaftsleben. 1921 kostete eine Zeitung 20 Reichsmark. Am 19. November 1923 mussten für ein Exemplar der Flensburger Nachrichten 80 Millionen Reichsmark gezahlt werden.

Die Erben von Friedrich Maaß gerieten in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Das Ende der Zeitung verhinderten mehrere weitsichtige Flensburger Kaufleute, die und deren Vorgänger zuvor schon Werft, Reederei und Brauerei gegründet und damit den Wirtschaftsstandort Flensburg in die moderne Zeit geführt hatten.

Diese Kaufleute wurden in der NS-Zeit gezwungen, ihre Anteile zu verkaufen – unter der Androhung, sie in Schutzhaft zu nehmen und das Erscheinen der Zeitung zu unterbinden. Die Flensburger Gruppe schied aus dem Verlegerkreis aus und übertrug ihre Anteile auf einen NS-Verlag.
Als NS-Eigentum wurden die Flensburger Nachrichten von der alliierten Militärregierung 1945 beschlagnahmt. Es gibt ein Bild im Archiv, das zeigt britische Militärfahrzeuge vor dem Stammhaus an der Nikolaistraße. Vom 11. Mai 1945 bis zum 28. März 1946 erschien die Zeitung zweimal wöchentlich als Flensburger Nachrichtenblatt (der Militärregierung). Es wurde in der Nikolaistraße redigiert und gedruckt.

Am 4. April 1946 vergaben die britischen Militärbehörden Lizenzen für das Flensburger Tageblatt an politisch unbelastete Persönlichkeiten. In einem Wiedergutmachungs-Verfahren erzwangen die ausgebooteten Flensburger Kaufleute die Rückübertragung von Grundstück und Gebäude der Zeitung. 1953 wurden sie Gesellschafter der Flensburger Zeitungsverlag GmbH.

Durch Übernahme kleiner, wirtschaftlich nicht tragfähiger Zeitungen etablierte sich der Verlag im nördlichen Landesteil.
1965 war ein wichtiges Jahr für den Verlag. Nicht nur, dass die Zeitung 100 Jahre alt wurde, in den Gebäuden an der Nikolaistraße – dort, wo heute das Kino steht – wurde die damals moderne Technik installiert. Von Computern war noch keine Rede, das höchste der Gefühle waren Setzmaschinen, die von Lochstreifen gesteuert wurden. Kern der Investition war die MAN-Rotationsdruckmaschine.

Ältere Flensburger haben bis heute zwei Eindrücke präsent: Im Sommer, bei geöffneten Fenstern, war das Geklapper der Setzmaschinen bis hinaus auf den Bürgersteig der Nikolaistraße zu hören. Und beim abendlichen Warten auf den Bus konnten vom Zob aus hinter den hell erleuchteten Fenstern verfolgt werden, wie die frisch gedruckten Zeitungen an Transportbändern zur Auslieferung liefen. In den Erdgeschossfenstern des Stammhauses Nikolaistraße 7 hingen die wichtigsten Seiten der jeweils aktuellen Ausgabe aus. Mancher Student holte sich beim Pförtner damals die frische Zeitung, um auf der Suche nach einer „Bude“ die Wohnungsanzeigen zu studieren und möglichst früh anfragen zu können.

Der Standort Nikolaistraße/Süderhofenden für die Druckhalle war zwar unternehmerisch und historisch bedingt, geologisch aber nicht glücklich. Dies ist altes Hafenschwemmland und hat die Tragfähigkeit eines Puddings. Die Schwingungen der Rotation und der weiche Untergrund setzten dem Haus zu. Mauern rissen ab, Verblendungen sprangen, für Zeitungstechnik war es ein Standort auf Zeit.
Der Bedarf an baulichen Veränderungen fiel in den 80-er Jahren mit dem Wandel der Zeitungslandschaft in Schleswig-Holstein zusammen. Die Rendsburger Zeitungsgruppe Möller fand auf der Suche nach einer neuen Entwicklung mit dem Flensburger Zeitungsverlag zum Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag (sh:z) zusammen. Damit reichte das Verbreitungsgebiet bis vor die Tore Hamburgs. Logistisch ideal war ein neues Druckzentrum in Rendsburg, heute Büdelsdorf.

Für den Bau des Kinocenters verkaufte der Verlag die Teile des Verlagshauses aus dem Jahr 1965. Seine Platzanforderungen befriedigte der wachsende Verlag in der 1987 eröffneten Holm-Passage. Hier arbeiteten Geschäftsführung, Redaktion und kaufmännische Abteilungen, bis sie im März 2013 an die Fördestraße nach Mürwik zogen. Das Tageblatt-Kundencenter indes hat seinen Platz heute wieder an der für die Zeitung in Flensburg historischen Stelle: in der Nikolaistraße 7.

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