Als die „Monokel-Siedlung“ entstand

Der Baumbestand ist Ende der 30er Jahre noch recht überschaubar: In den Anfängen ist die Matthias-Claudius-Straße (hier der Blick von Nordosten) als Allee noch nicht erkennbar.
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Der Baumbestand ist Ende der 30er Jahre noch recht überschaubar: In den Anfängen ist die Matthias-Claudius-Straße (hier der Blick von Nordosten) als Allee noch nicht erkennbar.

Einst liefen hier die Keller voll und die Mieter Sturm – heute ist das Wohnquartier auf der Westlichen Höhe ein durchgrüntes Prachtviertel

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09. Juli 2015, 17:57 Uhr

Anno 1937 veröffentlichten die „Flensburger Nachrichten“ eine Annonce: „Landhäuser an der Marienhölzung zu verkaufen“. Zu diesem Zeitpunkt existierte schon die Villenkolonie Falkenberg – die so genannte Westliche Höhe wurde immer dichter besiedelt. Auf einem Untergrund, der alles andere als ideal für eine Bebauung war – das Gelände war dicht bewachsen, durchfeuchtet, von Matsch und Moor durchzogen. Dass die Nässe nicht nur von unten kam, sollte sich erst später herausstellen.

Die Häuser rund um die Matthias-Claudius-Straße wurden im Herbst 1937 fertiggestellt. Errichtet hatte sie die Allgemeine Häuserbau AG Lichterfelde (AHAG) nach Plänen des Berliner Architekten Ernst Reinarz. Der verantwortliche Mann für die örtliche Bauleitung hieß Friedrich Tietje, der auch schon am Falkenberg, Strucksdamm und Immenhof aktiv war; nach ihm wurde die im Heimatschutzstil errichtete „Tietje-Kolonie“ benannt.

Die eingeschossigen Giebelhäuser hatten mit ihrer roten Vormauerstein-Verblendung und Ziegeldächern eine zeitlose Form, die Gestaltungselemente waren zumindest in der Nachkriegszeit nicht ungewöhnlich. Mit einer Ausnahme: In die Fassade war ein kreisrundes, einfach oder farbig verglastes Dielenfenster integriert, das Anregung für die volkstümliche Bezeichnung „Monokel-Siedlung“ war. Hinweis auf die „vornehmen“, überwiegend gut situierten Mieter und Eigentümer. Die 36 Einzel- und 24 Doppelhäuser in der Matthias-Claudius-, Emanuel-Geibel-, Dietrich-Nacke- und Heinrich-Voß-Straße sowie im Liliencron, Gorch-Fock- und Timm-Kröger-Weg wurden hauptsächlich von Marineoffizieren bewohnt. Heute wohnen hier viele Juristen, Lehrer und Mediziner – Franziskus-Hospital und Diakonissen-Krankenhaus sind nur einen Steinwurf entfernt. Wegen des üppigen Baumbestandes und des Alleen-Charakters fühlen sich viele Bewohner an den Prachtboulevard „Unter den Linden“ in Berlin erinnert.

In der Erhaltungssatzung der Stadt Flensburg für den Falkenberg und das Monokel-Viertel heißt es: „Die in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen entstandenen Villen- und Wohnhaussiedlungen prägen zusammen mit den älteren Siedlungsbereichen der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg den Charakter der Westlichen Höhe und sind entscheidend verantwortlich für die Wahrnehmung dieses Stadtquartiers als hochwertiges Wohngebiet.“

Dabei waren die Immobilien seinerzeit gar nicht so leicht zu veräußern. Zwar war ein Einzelhaus ab 5000 Reichsmark zu haben – inklusive 570 Quadratmetern Land. Doch schnell wurde bekannt, dass die Gebäude in der Matthias-Claudius-Straße sich als nicht wasserdicht erwiesen. Bei starken Regenfällen liefen die Keller voll, so dass aus der „Monokel-Siedlung“ plötzlich „Klein-Venedig“ wurde.

Oberstudienrat Karl Kreutzer beschwerte sich im November 1938 bei Oberbürgermeister Kracht über diesen Missstand: Es sei die unbedingt notwendige und ortsübliche Zwischenasphaltierung zwischen den Innenwänden eingespart worden – das Stadtbauamt habe diese unzulässige Bauweise geduldet. „Es steht zu erwarten, dass bei dem hiesigen Wetter die Häuser nach kurzer Zeit verheerend aussehen werden.“ Auch die IHK schaltete sich in den Konflikt ein. Bei der schlechten Bauart der Häuser, heißt es, könne von einer Zufriedenheit der Mieter keine Rede sein. Man sei von den Beschwerdeführern gebeten worden, „die zuständigen Stellen zu veranlassen, sich mit der skandalösen Weise zu beschäftigen, in der die Häuser der Landhaussiedlung erbaut sind, um diejenigen zur Verantwortung zu ziehen, die eine solche Verschwendung von Volksgut herbeigeführt haben“. Es war unvermeidlich, dass auch die N.S.D.A.P. Ortsgruppe Flensburg-Marienhölzung ihren braunen Senf dazugab und monierte, dass „die Gesundheit einer ganzen Gruppe von Volksgenossen gefährdet ist“.

Kurzum: Zu jener Zeit war es nicht ganz einfach, den Aphorismus des Dichters und Journalisten Matthias Claudius zu beherzigen, der da lautet: „Ich denk’ überhaupt, man soll lieber in sich fröhlich als brummig sein.“ Heute sieht das natürlich ganz anders aus.  .  .

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