zur Navigation springen

150 Jahre Flensburger Tageblatt : Als der Bleistift den Eiffelturm ablöste

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Bis 1988 prägt ein Sender die Flensburger Silhouette. Der Röhrenmast muss verschwinden, als ihm die Häuser zu nahe kommen.

Flensburg | Einen Sender für Flensburg und Umgebung zu bauen, war kein großer Aufwand. Rechtzeitig zum Weihnachtsfest 1928 war die Holzkonstruktion aus amerikanischer Pechkiefer fertig. Der damals 25-jährige Ingenieur Ernst Thode und seine Männer setzten den Sender in Betrieb. Dieser war damals ein abenteuerliches Konstrukt: Zwei 60 Meter hohe Masten, dazwischen ein Drahtseil gespannt, von dem ein 57 Meter langes Kabel nach unten hing. Das war die Antenne. Er wurde der 26. Sender in Norddeutschland. Die Flensburger hörten mit sogenannten Detektoren, simplen Empfängern, die damalige Rundfunkgesellschaft Nordische Rundfunk-AG („Norag“) auf der 219-Meter-Welle aus der Fördestadt. Zu den ersten Übertragungen gehörte die Landung des Luftschiffs „Graf Zeppelin“. Es war, geführt von Hugo Eckener, aus Amerika zurückgekehrt.

Der Sender strahlte 20 Kilometer weit. Um die Leistung besser auszunutzen, baute man 1935 den nächsten Sendemast, der 90 Meter hoch war und ebenfalls aus Pechkiefer bestand. In der Mitte hing die Antenne. Die Flensburger hatten schnell einen Spitznamen dafür gefunden: „Eiffelturm“. Fertig wurde er im Mai 1935. Nach dem Krieg ging er 1946 wieder in Betrieb. Nachdem der Nordwestdeutsche Rundfunk ihn zwei Jahre später von der Deutschen Bundespost übernommen hatte, wurde er 1951 auf 104 Meter aufgestockt. Es wurde aber bald klar, dass er für die Versorgung mit Fernsehsendungen nicht hoch genug war. Und so begannen im Juli 1956 die Ausschacht-Arbeiten für einen Stahlrohrmast von 205 Meter Höhe und 1,80 Meter Durchmesser .

Jahrzehntelang gehörte dieser rot-weiße Sender zur Silhouette des östlichen Stadtbildes wie der Turm der St.-Jürgen-Kirche. Vier Tage vor Weihnachten 1957 strahlte er die ersten Fernsehsendungen aus. Der Sender war auf freiem Feld entstanden. Rundherum gab es kaum Bebauung. Doch die Stadt wuchs immer näher an den „Bleistift“ heran – und damit begannen die Probleme. Immer im Winter schlug sich Feuchtigkeit auf Antennen und den Haltetrossen nieder und wurde zu Eis. Stiegen die Temperaturen wieder, taute dieser Panzer und mächtige Eisbrocken stürzten in die Tiefe. An den Dächern der Häuser in der Nachbarschaft entstanden große Schäden, die Hausbesitzer sprachen von „einschlagenden Bomben“. Der NDR nahm Überlegungen auf, seinen Sender abzureißen und neu zu bauen. Der Beschluss dazu fiel Anfang der 80er Jahre.

1988 war die Zeit zum Abbruch des Jürgensbyer „Bleistifts“ gekommen. Die Einschränkungen des Betriebs und die letzte Gelegenheit vor der Demontage wollte die Redaktion noch zu einem Aufstieg nutzen. Der Norddeutsche Rundfunk gab die Erlaubnis. Kontrollfrage vor dem Aufstieg: „Höhentauglich?“ Keine Ahnung, das wird sich oben zeigen.

Wie ging es nach oben? Fahrstuhl? Wäre ja schön gewesen, aber die Röhre hatte keinen Platz dafür. Nicht einmal für eine Wendeltreppe. Innen stand nur eine senkrechte Leiter, durch Streben an der Masthülle befestigt. In der Mitte der Sprossen war eine Schiene befestigt, in die wurde der Sicherungshaken des umgelegten Gurtes eingehakt. Tipp vom Profi: Im Gurt zurücklehnen, nicht mit den Armen an den Sprossen hinaufziehen, aus den Beinen heraus die Kraft zum Steigen entwickeln. Und alle paar Minuten eine Pause einlegen. „In einem Stück schafft den Aufstieg keiner.“ Wie lange braucht ein geübter Monteur? 20, 30 Minuten. Und dann noch eine eindringliche Ermahnung vom Begleiter: „Auf keinen Fall die Tür zur ersten Plattform öffnen! Dort arbeiten noch die Antennen. Die Stahlhülle des Mastes schützt vor der Strahlung.“ Was, wenn doch? Die Strahlung wirkt wie eine Mikrowelle. „Ihnen würde von innen mächtig heiß werden.“ Auf weitere Details verzichtet der NDR-Techniker.

Von der mit Äpfeln übersäten Wiese führt eine kleine Stahltreppe hinauf zum Einstiegsluk des Mastes, einem ovalen Schiffsschott sehr ähnlich. Hinter der Tür – Finsternis. Blick nach oben: Schwärze. Im Innern gibt es kein Licht. Aber: Es rauscht ununterbrochen, geradezu unheimlich. Der am Mast vorbeistreichende Wind produziert ein Geräusch wie das Verkehrsrauschen, die stählernen Wände verteilen den Klang durch die ganze Röhre. Der Haken des Sicherheitsgurtes wird in die Schiene eingefädelt. Auf geht’s, senkrecht gegen die Erdanziehungskraft, alle 30 Zentimeter eine Sprosse.

Was meinte der Fachmann? Zurücklegen in den Gurt, nach hinten lehnen? Mit dem Rücken über das schwarze Loch untern, das mit jeder Sprosse tiefer wird. Die Arme klammern sich an die Sprossen, ziehen nach oben und werden schnell müde, die Beine müssen den Körper allein hoch drücken. Nach 30, 40 Metern findet sich tatsächlich eine kräftesparende Haltung. Und alle 25, 30 Meter eine kleine Pause. Der verlängerte Rücken stützt sich auf die Stahlringe, die zur Verstärkung der Stahlhaut eingearbeitet sind. Der Puls kann sich beruhigen und ein anderes Gefühl schlägt durch: Der Mast schwankt! Im leichten Wind wackelt er ständig hin und her. Das Schwanken schlägt durch auf die Leiter, der Körper muss es auspendeln. Beklemmende Gedanken machen sich breit – aber das Ding hat ja schon 30 Jahre gehalten.

Der Rhythmus „Klettern – Pause – Klettern“ wird plötzlich unterbrochen durch ein kräftiges, lautes „Moin!“ von oben. Zwei Mann vom Abbruchkommando sind über den Besuch informiert, stellen die Demontage ein und helfen beim Ausstieg. Der Gurthaken wird gelöst – raus ins Freie. Aber der Schritt stoppt urplötzlich. Wo der Fuß hintreten will, vermittelt das Auge nur Hausdächer und grünes Gelände ganz tief unten: Die Plattform ist nur ein Gitterrost. Allerdings mit einem Geländer in Bauchhöhe.

Die Höhe? „Gut 150 Meter“, schätzt der Fachmann. Ziel des Ehrgeizes ist allerdings die Plattform an der Spitze des Mastes, 205 Meter hoch, dort, wo die schmale UKW-Antenne aufgesetzt ist. „Kein Problem“, meint der Fachmann, „dann müssen Sie innen noch etwas höher klettern, nach draußen und außen auf der Leiter nach oben steigen.“ Nichts als 200 Meter Luft zwischen dünnen Leitersprossen und dem Erdboden! Muss man wirklich jeden Ehrgeiz befriedigen? Muss man nicht! Der NDR-Mitarbeiter schmunzelt verständnisvoll. Aber ein paar Meter geht’s noch höher, bis zur Plattform am weißen Segment unter der Mastspitze. Das packen wir. Höhe 185 Meter nach 30 Minuten Aufstieg, Flensburg zu Füßen und die Wolken direkt über dem Kopf. Das Stadtpanorama ist überwältigend schön. Nach Nordosten markiert blaugrau die Außenförde den Horizont, Im Osten reicht der Blick weit über Angelns Hügel, im Westen hebt sich die Geest , Süden und Südosten liegen im Dunst. Der Kopf ist in dieser Höhe direkt unter den Wolken.

Gut, die Fototasche mitgeschleppt zu haben, Film um Film wird verbraucht. Wie empfinden die Monteure ihren himmlischen Arbeitsplatz? „Witzig, von hier oben auf Flugzeuge herunter zu gucken“, meint einer. Die laue Brise am Boden wird hier oben allerdings zum kräftigen Nordwest, Stärke 4 bis 5 und schneidend kalt. Richtig angenehm ist es, wenn die dem Wind abgekehrte Seite von der Sonne beschienen ist. Das gleichmäßige Pendeln des Turms – etwa zehn Zentimeter im Sekundentakt – lässt gut Gewöhnung zu. Dann ist Zeit zum Fotografieren.Schließlich: Ende des Ausflugs, Abstieg. 185 Meter in dreißig Minuten. So weich wie danach waren die Knie noch nie. Doch flaue Beine waren kein Preis dafür, dass ein Traum wahr wurde.

Wenige Wochen später war der rotweiße Sender abgerissen. Die Mitarbeiter einer Mülheimer Firma zerlegten den Mast stückweise und beförderten die Teile mit einem an der Spitze montierten Kran zu Boden. Die letzten 40 Meter der Röhre ließen die Arbeiter einfach auf den Sportplatz stürzen. Den Fuß des Mastes bekam die gewerbliche Berufliche Schule an der Friesischen Lücke, wo die Röhre jahrelang stand. Heute erinnert nur noch die kleine Straße „Am Sender“ im Viertel an den Jürgensbyer Sender.


zur Startseite

von
erstellt am 08.Nov.2015 | 09:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen