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Flensburger Tageblatt

16. Dezember 2017 | 18:14 Uhr

Alles eine Frage der Mathematik

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Professor Holger Watter, neuer Präsident der Fachhochschule Flensburg, spricht über Geld und Platznot auf dem Campus und wünscht sich eine Gleichbehandlung der Hochschulen

von
erstellt am 17.Mär.2015 | 16:40 Uhr

Herr Professor Watter, immer mehr, immer jüngere Studierende, Unterfinanzierung, Raumknappheit: Welches ist das wichtigste Thema, das Sie rasch anpacken müssen als neuer Präsident?

Als neuer Präsident wollte ich erst mal hundert Tage zuhören. Aber ich habe nach fünf Wochen gemerkt, es ist mir jetzt schon nicht gelungen. Wir freuen uns über die gute Nachfrage unserer Studiengänge. Sie ist aber auch unsere größte Sorge: Wir wissen im Moment noch nicht, wo wir die Studierenden alle unterbringen sollen, wie die Finanzierung dauerhaft funktioniert.

Ist das nicht absehbar gewesen, als der Hochschulpakt vor fünf Jahren geschlossen wurde?

Natürlich haben Sie recht: Die Zahlen sind länger bekannt. Wir haben rund 70 Mitarbeiter auf zeitlich befristeten Stellen. Wir können uns im Moment nicht beklagen. Unser Problem ist die Dauerhaftigkeit und die Nachhaltigkeit. Das bedeutet: Wir wollen als Fachhochschule Forschung machen. Die ist auch nötig für die Akkreditierung unserer Master-Studiengänge. Dazu brauchen wir ein Forschungsbüro. Und da haben wir im Moment keine Mitarbeiter.

Wenn Sie also einen Wunsch frei hätten: An wen würden Sie ihn richten, und wie würde er lauten?

Ich wünsche mir interessierte Studierende. Ich habe ein leistungsfähiges Kollegium, was die Studierendenzahlen und die Drittmittelquote betrifft. Ich wünsche meinen Kollegen Gesundheit, dass wir das noch möglichst lange durchhalten.

Gibt es Hinweise, dass die Studienanfänger schwächer sind als vor zehn Jahren?

Sokrates hat das vor 2000 Jahren schon gesagt. Natürlich hat sich das Profil geändert: Unsere älteren Kollegen konnten mit dem Rechenschieber umgehen, das können die Studierenden heute nicht. Dafür beherrschen sie Excel und Powerpoint. Die Qualifikationen haben sich geändert. Zwölf Jahre Schule – in Ordnung, Inhalte mussten gestrichen werden. Aber musste es die Quotientenregel sein? Sie ist für Ingenieure mathematisches Handwerkszeug, das brauchen wir vom ersten Tag an.

Wie müsste eine Politik aussehen, die hilft, das Niveau der Studienanfänger wieder zu steigern? G  8 abschaffen und die Wehrpflicht wieder einführen?

So weit würde ich nicht gehen. Ich will keine Schulpolitik machen. Aber hier muss sich etwas ändern – im Selbstverständnis der Schule, der Schüler. Problembewusstsein würde schon helfen.

Bemerken Sie Konsequenzen der Bemühungen, die es für mathematisch-naturwissenschaftliche Fächer gibt?

Mein Sohn kam, als er in der elften Klasse war, nach Hause und sagte: Mathe habe ich nicht verstanden. Wie leitet man eine bestimmte Gleichung ab? Daher komme ich auf das Beispiel mit der Quotientenregel. Ich finde es schade, dass man damit kokettieren kann, in Mathe schlecht gewesen zu sein. Wenn Schule ohne Rücksprache mit ihren „Kunden“ – und damit meine ich die Hochschulen – bestimmte Inhalte streicht, dann halte ich das für kritisch.

Wie kann es der Fachhochschule strukturell gelingen, sich langfristig besser zu finanzieren?

Wir haben ein strukturelles Defizit. Wenn man sich die Kennzahlen anguckt, steht Schleswig-Holstein im Bundesdurchschnitt am Ende. Und innerhalb von Schleswig-Holstein stehen wir nochmal am Ende – zum Beispiel bei der Betreuungsrelation. Bundesweit kommen auf einen Hochschullehrer zehn Studierende. An Fachhochschulen ist der Bundesdurchschnitt 24,6. Für diese Hochschule ist er 36. Ich war vorher 13 Jahre an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg, da hatte meine Fakultät 4700 Studierende mit 165 Professoren. Hier haben wir jetzt 4200 Studierende mit 80 Professoren. Ich weiß, wir sind ein Bundesland, das nicht viel Geld zu verteilen hat; jetzt ist es meine Aufgabe, diese Umverteilung einzufordern.

Welche Möglichkeiten haben Sie selbst als Hochschule? Drittmittelquote weiter steigern – hilft das?

Würde ich gerne. Aber auch da finden wir wieder eine strukturelle Benachteiligung: Universitäten und Fachhochschulen werden nach dem Hochschulgesetz nicht mehr unterschieden. Beide bilden sie für Bachelor und Master aus. Es gibt auch nicht mehr den Dipl.-Ing. (FH) und den Dipl.-Ing. (Uni); sondern der Master ist gleichberechtigt. Da fängt die Benachteiligung an: An den Universitäten ist der Regel-Abschluss der Master, an der Fachhochschule ist der Regel-Abschluss der Bachelor. Mit einer kleinen Quote von 20 Prozent dürfen wir den Master machen. Wir sind im universitären Wettbewerb. Wir brauchen auch die Forschung für die Master-Ausbildung. Es gibt zudem eine Lehrverpflichtungsverordnung, die sagt: Ich bekomme Ressourcenzuweisung primär für die Lehre und kann einen kleinen Teil von 6 Prozent für die Forschung benutzen. Mit diesen 6 Prozent machen wir zurzeit ein Drittmittel-Volumen von 3,7 Prozent. Ich würde gern die Forschung weiter ausbauen. Verdoppeln wir das einfach auf 12 Prozent, indem wir eigene Mittel nehmen. Darf ich aber nicht. Die Universität darf das.

Gibt es Synergien der Zusammenarbeit der Hochschulen in Flensburg?

Die Europa-Universität hat einen bildungswissenschaftlichen Schwerpunkt, wir haben einen anwendungsorientierten Schwerpunkt. Es gibt Berührungspunkte. Im Wirtschaftsbereich funktioniert die Zusammenarbeit, zum Beispiel im Jackstädt-Zentrum. Das zweite Standbein sind die Energiewissenschaften, der Studiengang Energie- und Umweltmanagement. Der dritte Bereich ist die Medieninformatik.

Ein Thema Ihres Vorgängers war der Blick über die Grenze und die Zusammenarbeit mit der Süddänischen Universität. Was haben Sie sich da vorgenommen?

Wir sind in der Grenzregion, wir wollen die Zusammenarbeit. Im täglichen Betrieb stellen wir aber fest, dass es Probleme gibt. Beispiel: Wir haben einen internationalen Studiengang, die Prüfung muss dann aber auf dänischer Seite sein. Auf dänischer Seite wurden schon Ressourcen abgezogen. Ein kleines Problem ist auch: Die Dänen zahlen ein Handgeld an ihre Studierenden, wenn sie dort studieren, also ist es für einen Dänen nicht lukrativ, in Deutschland zu studieren. Umgekehrt bekommt ein Deutscher, wenn er nach Dänemark geht, kein Handgeld. Es ist unüblich bei den Dänen, im Praktikum ein Gehalt zu zahlen, während auf unserer Seite eine Vergütung üblich ist. Das erschwert einfach den Austausch. Was wir weiter gern zusammen machen wollen, sind (Interreg-)Projekte. Das ist gut für unsere Drittmittelquote, da lernen wir voneinander. Wir haben nur für einen kleinen Teil unserer Studierenden Plätze für eine Master-Ausbildung. Was kann ich meinen Bachelor-Studenten anbieten? Sie können an der Europa-Universität im Bereich Jackstädt-Zentrum und EUM den Master machen und promovieren. Den gleichen Pfad gibt es auf dänischer Seite auch. Wenn ich mich als Zulieferer dieser beiden Hochschulen verstehe, habe ich eine Zusammenarbeit. Maximaler Nutzen bei minimalem Aufwand.

Zulieferer klingt ein bisschen unbefriedigend...

Schön, dass Sie das so sagen. Jetzt kommt meine erste Forderung wieder: Behandeln Sie Ihre Hochschulen gleich. Dann müsste ich mich auch nicht als Zulieferer verstehen.

Noch ein Wort zur Finanzierung...

Im Moment haben wir kein finanzielles Problem. Wir haben einen Grundhaushalt. Dann bekommen wir über die Hochschulpaktmittel für jeden neuen Studierenden, den wir jenseits einer festgelegten Zielzahl aufnehmen, 23  000 Euro. Bei den Drittmitteln haben wir 3,7 Millionen Euro, die sich zusammensetzen aus EU-Forschung, Bundesforschung und Ländermitteln. Bei der Drittmittelquote pro Professor liegen wir im oberen Drittel. Meine 80 Professoren-Kollegen schaffen es, mit schlechter struktureller Ausstattung 4000 Studierende in 18 Studiengängen zu bedienen und nebenbei auch noch Forschung zu betreiben. Das Problem ist, dass der Grundhaushalt eher abnehmend ist.

Ihre Hochschule hat sich in den letzten zehn, zwölf Jahren, was die Studierendenzahl angeht, fast verdoppelt. Ist sie zu schnell gewachsen?

Wenn Sie ausgelegt sind für 2000 Studierende mit 80 Professoren, dann stimmt die Relation, wie ich sie vorhin erläutert habe, nicht mehr. Bestimmte Prozesse, die mit 2000 Studierenden funktionieren, klappen mit 4000 nicht mehr. Neben Prozessoptimierungen denken wir auch an Neubauten oder weitere Anmietungen oder auch über Containerlösungen nach. Die Auslagerung ins Versatel-Gebäude war zwar eine Notlösung, aber besser als keine Lösung. Der Campus sieht nach viel Platz aus, aber das meiste ist Naturschutzgebiet. Und alles, was nicht auf dem Campus ist, ist eine Krücke. Wir wünschen uns mehr Bauautonomie.

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