Kunst am Bau II : Alle wollen das Rathaus-Nashorn

Dieses gelbe Nashorn verbannte Oberbürgermeister Simon Faber vom Rathaus. Jetzt könnte ein neuer Platz für die Plastik gefunden werden.
Dieses gelbe Nashorn verbannte Oberbürgermeister Simon Faber vom Rathaus. Jetzt könnte ein neuer Platz für die Plastik gefunden werden.

Ob auf dem Garagendach, der Koppel, dem Landestheater oder dem Campus: Die Mehrheit der Flensburger will das Rhinozeros behalten. Vielleicht wird es aber auch Kieler.

shz.de von
26. Mai 2011, 07:53 Uhr

Flensburg | Unsere Leser fühlen sich aufs Horn, genauer: aufs Nashorn genommen. Ginge es nach ihnen, bliebe das gelbe Styropor-Rhinozeros, wo es ist: auf dem Vordach über dem Südeingang des Rathauses. Fast die Hälfte äußerte in einer Umfrage auf shz.de, dass der 250 Kilo schwere Koloss "mittlerweile zum Stadtbild gehört". Gerade einmal ein Viertel hält es dagegen mit Oberbürgermeister Simon Faber: Das Ding muss weg, es passt nicht zu Flensburg. Sieglinde Holst und Franz Löhlein wollen die "Schnapsidee" daher in den Vergnügungspark Tolk Schau verbannen. Stellvertretend für die Pro-Nashorn-Fraktion meint Christa Feuerle: Man habe es mit dem originellen Werk eines Flensburger Künstlers zu tun - und mit einem langweiligen Gebäude. "Das passt zusammen." Besonders hart geht sie mit dem OB ins Gericht. "Der angeblich fehlende Bezug ist ein Witz. Ich muss auch kein Gärtner sein, um Blumen auf meinem Balkon zu pflanzen." Ihr Vorwurf: "Jetzt soll alles ganz schnell gehen, um den Bürger mundtot zu machen."
Für die Akopol-Fraktion versinnbildlicht das Nashorn die Dickfelligkeit und Wehrhaftigkeit der Kommunalpolitik, so Akopol-Vorsitzender Jörg Pepmeyer. "Das Rhinozeros", doziert er, "ist extrem kurzsichtig und verliert des öfteren den Überblick." Das passe gut für ein ästhetisches Ausrufezeichen auf dem Rathaus-Vordach. Heinz-Werner Jezewski (Linke) will das Nashorn ebenfalls an seinem Platz belassen; Karin Ritz bedauert, dass Humor und Rathaus offenbar nicht zusammen passen.
Der Ministerpräsident zeigt Mitleid
Nicht nur in E-Mails, die Mittwoch im Redaktions-Postfach aufliefen, tauchte das Nashorn unzählige Male auf. "Ich kann das Wort nicht mehr hören", stöhnte eine Mitarbeiterin der Stadtverwaltung. Klingelte das Telefon, ging es meist um den von Hans-Ruprecht Leiß entworfenen Dickhäuter. Was mit ihm passieren soll, ist nach wie vor unklar. Fest steht: Am Montag um 9 Uhr kommt der Kran. Dann droht dem Tier die Heimatlosigkeit. Doch das würde notfalls der Landesvater persönlich verhindern. Der rief am Nachmittag spontan Künstler Hans-Ruprecht Leiß an und bot dem Hornvieh Asyl. "Bevor es in irgendeiner Asservatenkammer verschwindet, finden wir hier in Kiel einen Platz ", so Peter Harry Carstensen.
Das Nashorn an sich gilt als Einzelgänger. Doch viele Flensburger würden es gerne in der städtischen Herde behalten. Birthe Hufnagel kann sich vorstellen, "das Nashorn auf unserer Hauskoppel mitten in Tastrup zwischen dem Jungvieh stehen zu haben". Katrin Hüttl würde es gerne auf ihr Garagendach stellen. Martin Holz hat im Jahr 2000 die Anlandung des Kunstwerks am Hafen miterlebt. Nun würden "wir es gerne auf der Mittelinsel vor der Matthias-Claudius-Straße haben und die Patenschaft übernehmen", so Holz.
"FH Flensburg nimmt Artenschutz ernst"
Der Nashorn-Besitzer, ein Geschäftsmann, möchte das Asyl-suchende Tier der Öffentlichkeit nicht vorenthalten, sucht repräsentative Ausstellungsplätze. Auch hier bieten unsere Leser Vorschläge zuhauf: Das Landestheater sei ein würdiger Platz, das Deutsche Haus oder die Phänomenta: "Denn das Nashorn ist nun wirklich eine phänomenale Erscheinung", meint etwa Lars Christiansen. Für andere Leser gehört es auf den Museumsberg - wo sonst sollte Kunst einen Platz finden?
Auch auf dem Campus macht man sich Sorgen um das Nashorn. Der Asta der Fachhochschule reichte nach einem morgendlichen Brainstorming den Vorschlag ein, "das goldene Nashorn auf das Dach des Foyers des FH-Hauptgebäudes zu stellen". Man befürchtete aber das Veto der Verwaltung. Weit gefehlt: Unter der Überschrift "FH Flensburg nimmt Artenschutz ernst" lässt FH-Präsident Herbert Zickfeld mitteilen: "Wir haben auch Mitleid mit großen Tieren." Bevor es in ein Tierheim abgeschoben werde, erkläre sich die FH bereit, dem Dickhäuter ein neues Zuhause zu geben - auf dem Vordach des Hauptgebäudes.
Auch Volkswagen und Fördepark hätten es gern
Kommerzielle Begehrlichkeiten weckt das Nashorn ebenfalls: Das Volkswagen Zentrum will es sich ausleihen, dafür mit Heu und Stroh versorgen. Der Förde Park würden dem "armen Nashorn gerne bei uns im Center ein neues Zuhause anbieten", teilt Manager Tycho Johannsen mit.
Das Nashorn-Drama schlägt auch über die Stadtgrenzen hinaus Wellen: Das Zentrum für nachhaltige Entwicklung "artefact" in Glücksburg will es dauerhaft neben einem Ruprecht-Leiß-Gemälde installieren. Und eine Kfz-Werkstatt aus Tarp sieht in dem Dickhäuter eine Bereicherung für Tarp. Auf dem rund um die Uhr bewachten Parkplatz wäre es vor Vandalismus geschützt.
Übrigens: Ausgewachsene Nashörner haben keine Feinde - außer dem Menschen.
(gudo, gat, shz)

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