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Ankommende Flüchtlinge : „Alle fragen nach Fingerabdrücken“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Seit Mittwoch sind nonstop mindestens 15 Dolmetscher am Bahnhof im Einsatz, um die ankommenden Flüchtlinge zu koordinieren. Sie sind meist selbst Geflohene und finden wegen ihres Einsatzes kaum Schlaf.

Flensburg | Soroosh Baloochi, 26 Jahre alt, und Mohammed Hamcho, 30 Jahre alt, sind seit Mittwochabend im Einsatz. Die beiden helfen am Flensburger Bahnhof, wo permanent Flüchtlinge ankommen. Sie dolmetschen, sind erste Ansprechpartner für die Flüchtlinge, beruhigen sie. Denn wenn Geflohene in Flensburg ankommen, haben sie große Angst. Sie wollen nicht registriert werden, vor allem nicht in Dänemark. „Gibt es einen Fingerabdruck?“, fragen sie die Dolmetscher. Die meisten von ihnen wollen weiter nach Schweden. Die Durchreise durch Dänemark versuchen sie zu vermeiden. Hier könnten die Behörden besonders unberechenbar sein, immer wieder Fingerabdrücke nehmen, warnen die Dolmetscher.

Mohammed hat seit fünf Tagen kaum mehr geschlafen. „Eine Stunde pro Nacht“, erzählt er. Von 9 Uhr früh bis 4 Uhr morgens ist er im Einsatz. Für ihn ist es Ehrensache, mitanzupacken. „Ich helfe meinen Landsleuten gerne.“ Er selbst kommt aus Aleppo in Syrien, ist vor 15 Jahren nach Flensburg gezogen. Seine Familie lebt noch dort.

Normalerweise arbeitet Mohammed in einer Dönerbude, seit Januar ist er krankgeschrieben. Er hatte einen Bandscheibenvorfall und saß vier Monate im Rollstuhl. Um am Bahnhof mithelfen zu können, nimmt er Morphium. Er spricht Arabisch, Kurdisch und Deutsch. Sprachen, die hier dringend gebraucht werden, damit die Koordination und Kommunikation klappt.

Zu tun gibt es mehr als genug. Ob es um Fahrkarten, neue Kleidung, Essen oder ärztliche Versorgung geht, Mohammed packt überall mit an. Heute morgen erst war er im Rathaus, um zwischen Flüchtlingen und Behörden zu vermitteln – es ging um Fingerabdrücke. „Wir beruhigen sie, sie vertrauen uns, haben keine Angst, wenn wir mit ihnen reden“, erzählt er. Das ist wichtig, um die Situation zu entspannen, und damit die Flüchtlinge nach ihrer langen Reise endlich einmal aufatmen können.

Zwischen zwei und neun Monaten seien die meisten Flüchtlinge unterwegs, wenn sie hier in Flensburg ankommen, berichtet Soroosh. Viele von ihnen seien bereits ihr ganzes Leben auf der Flucht, fliehen von Land zu Land.

Soroosh wurde im Iran geboren, vor 13 Jahren ist er nach Deutschland gekommen. Er dolmetscht am Bahnhof hauptsächlich zwischen Afghanen und Deutschen, denn er spricht Persisch, Englisch und Deutsch. Auch er bekommt nicht viel Schlaf in diesen Tagen. „Zwei, drei Stunden vielleicht“. Wenn Soroosh nachts nach Hause kommt, duscht er erstmal eine halbe Stunde. Das braucht er, um zur Ruhe zu kommen und den Tag Revue passieren zu lassen.

Bevor er gestern Morgen zum Bahnhof gekommen ist, hat er noch eine Klausur geschrieben. Er hofft, dass er durchkommt, lernen konnte er in den letzten Tagen nicht. Auch seinen Job als Werkstudent im Landestheater hat er vorerst an den Nagel gehängt. Anfang Oktober geht die Uni wieder los. Wenn sich die Situation am Bahnhof bis dahin nicht geändert hat, will er seine Arbeit ganz aufgeben, um neben seinem Masterstudium weiter mithelfen zu können.

Gerade hilft er hauptsächlich bei der Koordination und im Organisationsteam. „Das Essen und Trinken hier am Bahnhof ist eine große Hilfe, aber das eigentliche Ziel der Flüchtlinge ist es, in Schweden anzukommen“. Das Problem sei momentan, dass alle die Fähre nach Schweden nehmen wollen, diese aber voll ist. Sie müssten zwei Tage warten, eigentlich ist ihnen aber schon eine Stunde zu viel, denn sie haben Angst, registriert zu werden, erzählt Soroosh.

Sein Handy klingelt, andere Dolmetscher und Helfer kommen auf ihn zu, haben Fragen. Ein Flüchtling braucht seine Hilfe. Es gibt viel zu tun. Immer.

 

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erstellt am 15.Sep.2015 | 14:15 Uhr

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