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Gesundheitshaus : Ärzte für Arme – und keiner geht hin

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Seit Juni behandeln Ärzte in der „Praxis ohne Grenzen“ im Flensburger Gesundheitshaus ihre Patienten kostenlos

Die Frau kommt aus dem Baltikum. Ihr fallen die Haare aus. Sie fühlt sich schlecht. Doch sie ist mittellos, hat keine Krankenversicherung, keinen Arzt, der sie hätte behandeln können. Eines Tages landet sie in der „Praxis ohne Grenzen“, einer Anlaufstelle für Menschen am Rande der Gesellschaft, für Obdach- und Wohnungslose.

In den Räumen des Gesundheitshauses an der Norderstraße kann sie eine kostenlose Untersuchung in Anspruch nehmen. Der Internist Jörn Pankow macht ein großes Blutbild, untersucht die Schilddrüse und stellt schnell einen Leberschaden fest. Diagnose: aktive Hepatitis B, eine hochansteckende, meldepflichtige Krankheit. Dann plötzlich taucht die Patientin unter – und kommt nie wieder. „Wahrscheinlich hielt sie sich illegal in Deutschland auf, wollte nicht ins Visier der Behörden geraten und eine Abschiebung verhindern“, vermutet Pankow.

Die Tatsache, dass Behandlung sowie Medikamente (soweit vorhanden) gratis verabreicht werden, macht das Projekt für all jene so bedeutsam, die durch sämtliche Maschen des Sozialnetzes gefallen sind. Ebenso, dass ohne Ansehen der Person behandelt wird. Keiner wird gezwungen, seine Personalien preiszugeben. „Uns geht es allein um medizinische Hilfe“, sagt Pankow und verweist darauf, dass es erstaunlicherweise oft Freiberufler und Selbstständige sind, die kein Geld mehr für einen Arztbesuch aufbringen können. Tatsächlich sind in Deutschland weit über 130 000 Menschen nicht krankenversichert. Dem Internisten ist aufgefallen, dass ein nicht unerheblicher Teil seiner Patienten psychisch krank ist. „Sie sind unverschuldet in diese Lage geraten, genau wie jene Mittelständler, die durch Insolvenz ihre Versicherungsbeiträge nicht mehr zahlen können.“

Gleichwohl ist die Zahl derer, die in die im Sommer 2013 eröffnete „Praxis ohne Grenzen“ kommen, überschaubar. „Das ist unser Problem“, sagt der mit 73 Jahren nicht mehr praktizierende und nur noch ehrenamtlich tätige Internist. Offenbar ist die Einrichtung unter dem Dach der Diakonie nicht hinreichend bekannt. Pankow arbeitet in einem Netzwerk von 30 Ärzten, Krankenschwestern und -pflegern, Physiotherapeuten, Arzthelferinnen und sogar einer Hebamme. Es gibt einen festen Dienstplan für das wechselnde medizinische Personal. Viele opfern ihre Freizeit in der Sprechstunde an jedem Mittwochnachmittag. „Wir stehen sofort zur Verfügung, wenn Not am Mann ist“, sagt Pankow. Die Praxis verfügt über EKG- und Ultraschall-Technik, bestimmt Blutzucker und Blutdruck. Sie kooperiert darüber hinaus mit dem Zentrallabor der Diako und allen fachärztlichen Disziplinen – mit niedergelassenen Ärzten, deren Weiterbehandlung ebenfalls kostenfrei ist.

Die Einrichtung erfährt keine staatliche Unterstützung und finanziert sich ausschließlich aus Spenden. Sie ist aber auch auf Sachwerte wie Medikamente (insbesondere Antibiotika fehlen), Verbandmittel und medizinische Geräte angewiesen. Arzneimittelrechtlich ist es inzwischen erlaubt, Medikamente aus noch nicht aufgebrauchten Beständen, etwa aus Altenheimen oder Privatbeständen, weiterzugeben. Es muss bei dieser Regelung gewährleistet sein, dass ein niedergelassener Apotheker die Verantwortung für Sicherheit und Qualität übernimmt. „Bevor jemand Medikamente in den Müll wirft, was verboten ist, oder dem Apotheker zur Vernichtung gibt“, so Pankow, „sollte er sich an unsere Praxis wenden.

Der Staat, so fordert der Mediziner, müsse an seine Fürsorgepflicht erinnert werden, wenn es um die Ärmsten der Armen geht, denn die „Praxis ohne Grenzen“ sollte nur eine vorübergehende Einrichtung sein. Pankow und Co. begreifen sich nicht als Almosenverteiler: „Wir versuchen die Menschenwürde notleidender Menschen zu schützen und sind angewiesen auf die Anteilnahme und Unterstützung der Wohlhabenden – derer, die es sich noch leisten können. Wenn es eine immer größer werdende Zahl an Hilfesuchenden gibt – dann ist in unserem Sozialsystem etwas faul.“

 

 

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erstellt am 21.Jan.2014 | 08:07 Uhr

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