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Steinmeier in Flensburg : Aersma, Herr Präsident!

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Von Minderheitenpolitik bis Verbraucherbildung – Bundespräsident Steinmeier bekommt Kostproben davon, wo Flensburg ganz oben ist.

shz.de von
erstellt am 06.Okt.2017 | 10:45 Uhr

Im Torbogen des Flensborghus stehen Marianne Schreiber und Birthe Jacobsen gestern ab 12.30 Uhr ganz richtig. Gegenüber einem runden Dutzend Polizeibeamten in Uniform, Personenschützern sowie etwa 15 Journalisten sind die beiden älteren Damen vor der Pforte der Zentrale der dänischen Minderheit selbst in der Minderheit: „Wir sind zwei Fans“, sagt Marianne Schreiber – und zwar die allerersten von mehreren Dutzend Schaulustigen, die sich eine halbe Stunde später im strömenden Regen rund um den früheren Laden von C.C. Petersen versammeln: „Wir finden den Bundespräsidenten so sympathisch und haben seine Rede zum 3. Oktober gehört.“ Birthe Jacobsen will auch ein Handy-Foto.

Als der Tross des Bundespräsidenten um 13.02 Uhr hinter der Polizei-Motorradstaffel auf der Norderstraße vorfährt, dürfen zwei andere Damen den Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Ehefrau Elke Büdenbender in Empfang nehmen: Stadtpräsidentin Swetlana Krätzschmar und Oberbürgermeisterin Simone Lange geleiten den Besuch aus Berlin mit Blumen aus dem regengrauen Mittag in die gute Stube. Dabei sind viele Gäste aus dem Präsidentenkorso gerade einem anderen Rätsel auf der Spur: Was hat es wohl mit den zahllosen Schuhpaaren an den Seilen über der Norderstraße auf sich? „Man sagt ja, dass jeder, der Flensburg verlässt, hier seine Schuhe hinterlässt“, scherzt Lange mit Steinmeier.

Im Innern des früheren bunten Spezialitätenladens, der heute sehr weiß ist und gar nicht mehr nach Bonbons und Schokolade riecht, diskutiert Steinmeier über Minderheiten in Europa und lässt sich das nächste Ziel der Vorzeigeminderheitenregion erklären, das in diesem Haus Platz finden soll: „Es soll Anlaufstelle, Dokumentationszentrum, Haus für Seminare, Workshops und vor allem Jugendliche sein – eine Begegnungsstätte für Mehrheit und Minderheit“, sagt Dieter Paul Küssner, Vizepräsident des Dachverbandes FUEN, der für insgesamt 95 Minderheiten spricht. Steinmeier spricht das aktuelle Katalonien-Thema in Spanien an, dann Südtirol, wo manch einer interessiert nach Barcelona blicke und sagt, Minderheitenkonflikte gärten seit vielen Jahren: „Es gibt keinen anderen Ort, an dem geglückte Minderheitenpolitik focussiert ist.“

Für das künftige Haus der Minderheiten seien Deutschland und die Stadt Flensburg in Vorleistung getreten, um die Renovierung des alten Packhauses im Hof zu organisieren, erfährt Steinmeier. Jetzt gehe es nur noch darum, dass die dänische Seite mitmacht. Dann spricht Oberbürgermeisterin Simone Lange die Vorbereitungen für die Feiern zum 100. Jahrestag der Volksabstimmung von 1920 an, die nicht nur ein Flensburger Thema sei, sondern ein gesamtdeutsches. Ob der Bundespräsident da nicht wiederkommen könne, so die Frage aus der Minderheit. Steinmeier antwortet sibyllinisch: „Das Protokoll sagt, der Bundespräsident darf keine Schirmherrschaft für Veranstaltungen übernehmen, die jünger als 100 Jahre alt sind.“

In der Europa-Uni muss es ziemlich lässig zugehen, mag Jazz-Liebhaber Steinmeier gedacht haben, als er von Musikdozent Jan Tendrich mit mintfarbener E-Gitarre und einer kleinen Uni-Combo mit einem jazzigen Schleswig-Holstein-Medley empfangen wird. Uni-Präsident Werner Reinhart entführt die Gäste sofort in die sechste Etage. Hier stellen die Professorinnen Ulrike Johannsen und Birgit Peuker etwas vor, was es bundesweit nur in Flensburg gibt: „Verbraucherbildung ist in Schleswig-Holstein ein Schulfach, aber hier in Flensburg auch ein Studienfach“, sagt Johannsen. Danach erklärt Studentin Carolin Kober dem Präsidenten, wie eine Jeans produziert wird: „Der Arbeiter bekommt ein Prozent des Verkaufspreises.“ Gebacken wird an diesem Tag deutsch-dänisch – für die südjütländische Kaffeetafel und gemeinsam mit Studenten des Kooperationspartners aus Hadersleben in Nordschleswig.

Uni-Präsident Werner Reinhart sollte diesmal nicht Recht behalten: „Es geht immer etwas schief. Man weiß bloß nicht was“, hatte er zuvor geunkt. Doch seine Studenten und Dozenten legten einen richtig lustigen Kaffeenachmittag mit dem Bundespräsidenten hin: „Wir haben ein modernes Lehramt gezeigt, das für Bildungsgerechtigkeit steht“, sagte Reinhart später, als der Gast mit dem langen Tross wieder abgereist war. Nicht ohne ihm mit auf den Weg zu geben, dass das Jubiläum 2020 auch eine tolle Gelegenheit für eine Rede im Audimax wäre. Der Protokollchef des Bundespräsidenten indes hat schon eine eigene Verbindung nach Flensburg aufgebaut. Er ließ 15 Euro auf dem Campus. Dafür schicken ihm die Studenten dieses lässig-blaue T-Shirt – Vorderseite „moin“, Rückseite „ærsma“.

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