Husby : Älter als das Schleswig-Holstein-Lied

Sind stolz, ein Teil des Gesangvereins zu sein: Hans-Otto Tiedemann, Reinhard Hans und Klaus Tomm (v.l.).
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Sind stolz, ein Teil des Gesangvereins zu sein: Hans-Otto Tiedemann, Reinhard Hans und Klaus Tomm (v.l.).

Der Gesangverein „Fidelitas“ feiert sein 175-jähriges Bestehen. Am Sonnabend gibt der Chor ein Benefizkonzert.

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21. März 2017, 15:36 Uhr

Husby | „Im Juli fahren wir zum großen Sängerfest nach Schleswig, wenn wir noch fleißig üben.“ So soll der Husbyer Lehrer und Küster Lars Hansen seine jungen Sänger der Liedertafel motiviert haben, nachdem 1844 die Einladung zum Schleswiger Sängerfest vom Festkomitee eingegangen war. Das Fest war nicht nur für die Künstler eine Würdigung – es war außerdem die Premiere des Schleswig-Holstein-Lieds. Der Schleswiger Gesangverein sang die heutige Landeshymne am 25. Juli 1844 zum ersten Mal vor einem Publikum – auch die Husbyer Liedertafel, die heute als Gesangverein „Fidelitas“ bekannt ist, wurde Zeuge dieses historischen Moments. „Fidelitas“ gehört zusammen mit dem Kappelner Quartettverein zu den ältesten Chören im Land.

Alles hatte 1842 angefangen. Eine Gruppe von jungen Landwirten und Handwerkern zwischen 20 und 25 Jahren traf sich damals im Haus von Lehrer und Küster Hansen, um zusammen zu singen. Die Männer merkten schnell, dass sie mit ihren zwei- und dreistimmigen Liedern Erfolg hatten und gaben im Winter 1843 im Husbyer Wirtshaus ihr erstes öffentliches Konzert vor einem begeisterten Publikum. In einem Protokoll der Liedertafel heißt es zum Erfolgsrezept: „Es war teils der Reiz der Neuheit eines vierstimmigen Männerchores, teils die patriotische Begeisterung der damaligen Zeit, welche in unseren Liedern einen Ausdruck fand.“ Dem Auftritt folgte die Einladung zum Schleswiger Sängerfest, für das der kleine Chor monatelang probte. Währenddessen gab das Festkomitee ein Lied in Auftrag, das „die Zusammengehörigkeit von Schleswig und Holstein sowie die Zugehörigkeit zu Deutschland zum Ausdruck bringen sollte“. Hans-Otto Tiedemann, der seit 1976 Mitglied des Husbyer Gesangvereins „Fidelitas“ ist, weiß, dass die Komposition des Schleswig-Holstein-Liedes nicht ganz reibungslos abgelaufen ist. „Der Text sagte den Sängern nicht zu und wurde kurz vor dem Fest noch einmal umgeschrieben“, erzählt er. Der Advokat Matthäus Friedrich Chemnitz schrieb letztendlich die Version „Schleswig-Holstein, meerumschlungen, ...“, die aus sieben Strophen besteht. Auch die blau-weiß-rote Landesflagge wehte an jenem Tag im Juli 1844 zum ersten Mal. Chorleiter Hansen notierte sich, wie viele andere auch, die Melodie in sein Notenheft, und so verbreitete sich das Lied trotz dänischer Zensur rasend schnell.

Aber nicht nur die Dänen legten den Sängern Steine in den Weg. Auch unter den Nationalsozialisten hatte „Fidelitas“ eine schwere Zeit. Der Gesangverein musste den Forderungen des Systems nachgeben, um nicht Opfer der Partei zu werden. „Es war verboten, Lieder von ausländischen Künstlern zu singen“, erklärt Klaus Tomm, der seit 33 Jahren bei „Fidelitas“ ist. Auch Werke des jüdischen Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy sollten nicht mehr vorgetragen werden. „Im Dritten Reich ist der Verein deshalb nicht öffentlich aufgetreten“, sagt Tomm. Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Großteil der Sänger für den Kriegsdienst eingezogen, neun von ihnen sind gefallen. Um überhaupt noch proben zu können, mussten die Frauen einspringen, die sonst in ihrem eigenen Chor sangen.

Doch auch diese Schwierigkeiten hat „Fidelitas“ überstanden und feiert in diesem Jahr sein 175-jähriges Jubiläum. Über Generationen haben die Mitglieder dem Verein die Treue – „Fidelitas“ auf Latein – gehalten. Den Namen hat sich der Verein 1870 gegeben, damals noch als politisches Bekenntnis. „Heute“, so der neue Vorsitzende Reinhard Hans, „zeichnet den Chor die „Freude am Singen und die Geselligkeit aus.“ Man freue sich immer auf die Montagabende, wenn um 20 Uhr die Proben im Pastorat der Kirchengemeinde beginnen. Die Männer und Frauen haben sich aber keinesfalls auf Volkslieder spezialisiert, wie es oft vermutet werde, sie singen auch Gospels, Film-Melodien, geistliche Lieder und Stücke wie „Mein kleiner grüner Kaktus“. Am liebsten schmettern Hans, Tiedemann und Tomm aber die dritte Strophe von „Siyahamba“ – einem afrikanischen Gospel. Um einen Ansporn zu haben, treten sie regelmäßig mit dem Chor öffentlich auf. Stets haben sie den Ehrgeiz, ein Stück „aufführungsreif zu machen“, erzählt Hans.

Aber wie auch bei anderen Vereinen treibt der fehlende Nachwuchs den Sängern Sorgenfalten auf die Stirn. Alle Sänger sind inzwischen über 60 Jahre alt, erklärt Tiedemann. Deshalb freuen sie sich über jeden, der zur Probe vorbeikommt. „Bei uns muss niemand vorsingen“, fügt er schmunzelnd hinzu. Neben neuen Mitgliedern ist der Gesangverein ist auch auf der Suche nach einem neuen Chorleiter. Noch übernimmt Sönke Thomsen den Posten. Er möchte aber nicht mehr allzu lange weitermachen – bleibt aber zumindest so lange, bis ein Nachfolger gefunden. Fidelitas.

Tiedemann, Tomm und Hans wollen alles daran setzen, dass „Fidelitas“ auch noch das 200-jährige Jubiläum feiern kann. „Wir sind stolz, dass wir ein Glied dieser langen Kette sind“, betont Tiedemann, Tomm und Hans nicken zustimmend. Sie hoffen alle, dass diese Kette noch viel länger wird.

> Am kommenden Sonnabend, 25. März, gibt der Gesangverein „Fidelitas“ zusammen mit dem Singkreis der Kirchengemeinde Husby, dem Chor der Kinderklinik der Diako Flensburg und dem Kirchenchor Hürup ab 18 Uhr ein Benefizkonzert in der St.-Vincentius-Kirche zugunsten der Kirchen-Renovierung. Der Eintritt ist frei.

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