Flens-Arena : Absolute Ekstase: Marteria live in Flensburg

Kraftakt: Zwei Stunden lang ist Marteria ununterbrochen in Bewegung, wirbelt über die Bühne, mischt sich unters Publikum.
Kraftakt: Zwei Stunden lang ist Marteria ununterbrochen in Bewegung, wirbelt über die Bühne, mischt sich unters Publikum.

Laut und wild: Rapper Marteria bringt die Flens-Arena zum Kochen.

Avatar_shz von
12. März 2018, 07:27 Uhr

Dass Marteria ganze Fußballstadien zum Brodeln bringen könnte, traut man ihm zu. Die Arme der Zuschauer peitschen ihm rhythmisch entgegen in der Flens-Arena. Demagogisch wirkt das, ist aber üblich bei Rappern. Marteria stachelt die fast 4000 Zuschauer am Sonnabend an. Es könnte voller sein. „Doch jetzt ist absolut Durchdrehen“, ruft er, „Ekstase!“ Seine übliche Schlussfanfare mit T-Shirt ausziehen und wegschmeißen zieht er durch. Mit nacktem Oberkörper begibt er sich ins Publikum, wo einige Hartgesottene es ihm gleich getan haben – Frauen sind nicht darunter.

„Das ist die schleswig-holsteinische Vereinigung mit Mecklenburg-Vorpommern“, schreit der Rostocker. Anschließend lässt er sich auf Händen zurück auf die Bühne tragen. Dazu fallen weiße Bänder von der Decke, Blitze zucken und Feuer werden gezündet. Hoch gesteuerte Beats dröhnen durch die Halle, bis die inneren Körperorgane vibrieren.

Aber der Reihe nach: Marteria alias Marten Laciny, 35, kennen die weniger eingeschworenen Fans von genau drei Liedern aus dem Radio, die auch alle zum Besten gegeben werden: die wunderbar sphärischen „Lila Wolken“, das zackige Hip-Hop-Lied „Kids“ und das spacige Stück „Scotty beam mich hoch“. Lacinys bisheriges Leben ergäbe ein interessantes Drehbuch: Als Jugendlicher spielt er in der U-17-Mannschaft von Hansa Rostock, geht mit 17 für ein Jahr als Model nach New York und dann nach Berlin, um Rapper zu werden. Nach einem ausschweifenden Lebenswandel mit Nierenversagen trinkt er keinen Alkohol mehr und zieht zurück an die Küste in der Nähe von Rostock. Der Vater eines zehnjährigen Sohns hat jetzt Schafe und geht angeln.

Er bringt Lieder, die von sämtlichen Stationen handeln: „Große Brüder“ und „Endboss“ über die Rostocker Jugend, „Skyline mit zwei Türmen“ über New York und „Gleich kommt Louis“ über seinen Sohn, „Blue Marlin“ übers Angeln. Für die Damen wird aus Madonnas „Material Girl“ das „Marteria Girl“. Der Rapper lässt die beiden Background-Sängerinnen seiner siebenköpfigen Band übernehmen.

Er lässt sich gerne feiern. Und er glaubt an fremdes Leben im Weltall. Die Songs darüber sind wild und schrill: „Aliens“ zum Beispiel vom neuesten Album Roswell, das der Tour ihren Namen gab. Roswell ist eine US-amerikanische Kleinstadt, in der laut Verschwörungstheorien 1980 ein Ufo abgestürzt sein soll. Einer der Insassen scheint bei Marteria direkt auf die Bühne marschiert zu sein. Im schrägen Kostüm mit gepitchter Stimme rappt Laciny drei Lieder in Gestalt seiner Kunstfigur Marsimoto. „Vergiss Marsimoto, ich mag den auch nicht“, brüllt eine Zuschauerin. „Aber die mögen ihn alle“, ergänzt sie und deutet auf das vordere Drittel der Zuschauer direkt vor der Bühne.

Mit voller Absicht wird der Sound hochgetunt, Bässe und elektronische Klänge sind so stark, dass die eigentlich sehr interessanten Texte nicht wörtlich zu verstehen sind. Auf einer riesigen Leinwand hinter der Band werden in schnellen Wechseln Bildern projiziert. Marteria lässt das Publikum nicht für eine Sekunde zur Ruhe kommen, rappt zwei Stunden am Stück hüpfend und armwedelnd über die Bühne. Das Ex-Modell ist im Training, auch wenn es einen kleinen Bauchansatz bekommen hat. Kaum vorstellbar, dass jemand nach dieser Party gleich nach Hause schlafen gegangen ist.

zur Startseite
Karte

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen