Glücksburg : Abschiebung kurz nach Mitternacht

Die Zukunft der gesamten Familie ist ungewiss: Nazik Yeremyan und ihr Vater mit den Schach-Trophäen.
Die Zukunft der gesamten Familie ist ungewiss: Nazik Yeremyan und ihr Vater mit den Schach-Trophäen.

Familie Yeremyan muss von Glücksburg in ihre armenische Heimat zurückgehen. Ihr Betreuer will seine ehrenamtliche Arbeit aufgeben.

shz.de von
20. Juni 2018, 12:40 Uhr

Glücksburgs Flüchtlingslotsen sind schockiert. Eine armenische Familie, die sich seit Herbst letzten Jahres vorbildlich im Ort integriert hat, sollte in der Nacht zu heute abgeschoben werden. Johann Meerbach, der die Familie betreute, berichtet fassungslos: „Am Montag kamen die Bescheide per Einschreiben. Der Vater wurde gestern Morgen um 6.45 Uhr von zwei Mitarbeitern des Ordnungsamts und drei Polizisten abgeholt. Der Termin für den Rest der Familie wurde für die darauf folgende Nacht um 1.30 Uhr festgesetzt.

Beide Kinder der Familie, 15 und 17 Jahre alt, sind in der Kirchengruppe Kikuyu aktiv. Dort war die Bestürzung besonders groß. „Die Jugendlichen haben eine Notsitzung abgehalten und beschlossen, beim Abschiebetermin dabei zu sein“, sagte Pastor Thomas Rust gestern. Er verschickte einen Brief an 70 Kikuyu-Mitglieder sowie deren Freunde und Verwandte. Darin bat er um einen stillen und friedlichen Abschied. Auszugsweise heißt es in dem Schreiben: „Mit provozierenden Aktionen und Sprüchen ist keinem geholfen. Beamte, die die Abschiebung durchführen, sind in keiner Weise für die Entscheidung verantwortlich und sind mit Respekt zu behandeln. Wir möchten diesen beiden wunderbaren und hoffnungsvollen Jugendlichen zu verstehen geben: Wir haben sie ins Herz geschlossen und werden sie niemals vergessen. Wir sind traurig, und verzweifelt, dass sie uns wieder verlassen müssen.“

Die 17-jährige Nazik Yeremyan hatte sich durch besondere Leistungen hervorgetan. Sie war im Flensburger Schachclub, ist Landesmeisterin in der Altersklasse U18 und im Blitz-Schach. Für den Lübecker Schachclub sollte sie demnächst in der 2. Bundesliga der Damen spielen. Sie besuchte die Hannah-Arendt-Schule und hatte einen Ausbildungs-Vertrag als Einzelhandelskauffrau im örtlichen Edeka-Markt in der Tasche. Eigentlich sollte sie dort am 1. August ihre Lehre beginnen. Flüchtlingslotse Johann Meerbach machte öffentlich auf das Schicksal der Familie Yeremyan aufmerksam. Ohne Erfolg.

„Armenien zählt nicht zu den anerkannten Flüchtlingsländern“, stellt Meerbach fest. Den Fall der Familie Yeremyan sieht er allerdings drastisch: Naziks Onkel sitze wegen Dreifachmordes an Mitgliedern des früheren Regimes im Gefängnis. Naziks Vater Karen sei daher täglichen Verhören ausgesetzt gewesen, bevor er 2014 nach Flensburg floh. Es sei auf ihn geschossen worden. Aufgrund der Aufregung habe Naziks Vater einen Schlaganfall erlitten – er ist seitdem halbseitig gelähmt. Eine Beeinträchtigung des Gehirns sei ebenfalls nachgewiesen. Laut Meerbach ist sie Schuld an einer fehlerhaften Chronologie im Asylantrag, den Karen Yeremyan stellte. Er hatte versehentlich Militärdienst und Studium zur selben Zeit angegeben. Das habe letztlich zur Ablehnung des Antrages geführt.

Meerbach hatte einen Anwalt zu Rat gezogen. Ein neuropsychologisches Gutachten wurde eingereicht, um das Versehen aufzuklären. Aber die Behörden blieben hart. Dem Rest der Familie wurde das Asylantragsverfahren laut Meerbach verweigert, weil Ehefrau und Kinder über Italien eingereist waren. Der Antrag hätte in Italien gestellt werden müssen – so sagen es die Vorschriften.

Wie es der Familie in ihrer Heimat ergehen wird, weiß Johann Meerbach nicht. Es hat zwar einen Regierungswechsel in Armenien gegeben – das sei grundsätzlich positiv. „Aber die Regierungsbildung ist noch nicht vollständig abgeschlossen“, so Meerbach. Wohnen können die Yeremyans bei Familienangehörigen. Nazik, ihre Mutter und ihr Bruder wollten gestern keine Auskünfte mehr geben.

Björn Ipsen, Geschäftsführer der IHK Flensburg, hatte Montag noch einen Brief an einen Kieler Staatssekretär geschrieben und um erneute Prüfung des Vollzuges gebeten. Anscheinend zu kurzfristig. Johann Meerbach war gestern früh dabei, als Vater Karen Yereyman abgeholt wurde. Er wollte wenigstens erreichen, dass die Familie gemeinsam ausreisen kann. Aber die Tickets waren gebucht und sollten nicht mehr geändert werden.

Nach den Erlebnissen mit Familie Yeremyan will Johann Meerbach die Lotsenarbeit aufgeben. „Solche Erfahrungen machen mir zu sehr zu schaffen“, sagte der 71-Jährige.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen