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Toosbüystraße in Flensburg : Abgestürzter Balkon: Wie der Zufall ein Leben rettete

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Eine Touristin entging knapp einem Unfall. Für die Sicherheit der Häuser sind zu allererst die Eigentümer verantwortlich, sagt die Stadt.

Flensburg | Durch nichts, aber auch gar nichts hatte sich das Ereignis angekündigt, das fast einen Menschen getötet hätte. Der zentnerschwere Brocken fiel einfach ab und knallte auf den Bürgersteig der Toosbüystraße 8. Gleich neben einer unbekannten Passantin. Sekunden vorher hatte diese Frau noch exakt da gestanden, wo die Balkonverzierung aufgeschlagen war. Glück gehabt. „Sie war grad zwei Schritte nach links gegangen, um sich den Flohmarkttisch anzuschauen“, sagt Conny Erdmann, die Augenzeugin.

Beide Frauen hatten noch lange an dem Ereignis zu knabbern, das den Donnerstagnachmittag vergangener Woche erschütterte. Besonders die ältere Dame. „Die Frau stand voll unter Schock! Wir haben sie zum Pflegedienst auf die andere Straßenseite gebracht, wo sie versorgt wurde. Die Unbekannte, eine Touristin, weinte und zitterte am ganzen Körper, berichtet die Flensburgerin, die im Erdgeschoss Conny’s Wellness-Oase betreibt.

Bordstein-Treffer: Feuerwehr und Polizei sicherten das Betonbrocken.
Bordstein-Treffer: Feuerwehr und Polizei sicherten das Betonbrocken. Foto: Nolte
 

Auch für sie war der Tag erst einmal gelaufen. Sie hatte zu klein gewordene Kindersachen angeboten, draußen vor der Ladentür. Nach dem Ereignis war für die Ladeninhaberin erst einmal Schluss. Auch wenn auf Anordnung der Stadt der Balkon erst einmal abgestützt wurde – das war Conny Erdmann viel zu gefährlich. „Da hätten auch Kinder stehen können.“ Seit Montag hat sie wieder geöffnet. Ein Statiker war auf Anordnung der Stadt da, hat alle Balkone begutachtet. „Ich hoffe, das hält jetzt“, sagt Erdmann.

Schräg gegenüber, es ist die Hausnummer 9, ist der komplette Erkervorbau des Hauses mit dicken Balken eingerüstet. Die Toosbüystraße, eine der schönsten gründerzeitlichen norddeutschen Straßen, ist in die Jahre gekommen. Ab 1900 wurde sie angelegt, ihre Pracht beziehen die unter Denkmalschutz stehenden Bürgerhäuser aus einer Vielzahl prägender Elemente – auch ihren Erkern und Balkonen. Für deren Sicherheit sind zu allererst die Eigentümer verantwortlich, betont Clemens Teschendorf, der Sprecher der Stadtverwaltung.

Dass die schönen Balkone der Toosbüystraße bei den Hauseigentümern durchaus ein Thema sind, entnimmt man in der Flensburger Verwaltung immer wieder eingehenden Abrissanträgen. „Aber da ist im Sanierungsgebiet nichts zu machen“, sagt Teschendorf. Die Straße ist Stadtbild-prägend, die Häuser mit all ihren einzigartigen Stilelementen stehen unter strengem Schutz. „Hier wird kein Balkon weggenommen; hier muss saniert werden.“

Nach Erkenntnissen der Verwaltung ist die Investitionsbereitschaft nach einer Phase der Vernachlässigung bei vielen Eigentümern wieder gewachsen. „Etliche Häuser sind inzwischen gemacht. Natürlich entdeckt unser Außendienst immer wieder mal Auffälligkeiten, aber das ist nicht das Riesenproblem.“ Erfahrungsgemäß kämen lange Versäumnisse die Hausbesitzer am teuersten zu stehen. „Kleine Risse machen den Anfang. Wenn das Wasser erst eingezogen ist, wird die Substanz weich“, so Teschendorf. „Wer früh gegensteuert, kommt am günstigsten davon.“

Das Instrumentarium der Bauverwaltung ist in Fällen allzu zögerlicher Hausbesitzer ziemlich griffig, sagt Teschendorf. In Fällen wie der Hausnummer 9 und 8 folgten auf den Besuch des Außendienstes die Auflage zur Sicherung des Gebäudeteils und Nachweis der Statik. Die massiven Stützbalken, die aktuell zu besichtigen sind, sollen nach Vorstellungen des Bauordnungsamtes auch nicht dauerhaft das Stadtbild prägen, sondern nur für die Dauer der Sanierung, die – im Falle längerer Untätigkeit – bei den Denkmälern des Landes Schleswig-Holstein auch durchaus robust durchgesetzt werden können. Das Land – und nur das Land – könne durch sein Denkmalamt per Ersatzvornahme die erforderlichen Arbeiten in Auftrag geben und dem Eigentümer in Rechnung stellen. „Aber das ist wirklich nur sehr, sehr selten der Fall.“

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erstellt am 14.Jun.2016 | 08:00 Uhr

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