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Zweiter Bildungsweg : Abendgymnasium in Flensburg: Statt Feierabend rauchende Köpfe

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Schule nach der Arbeit – ein harter Job, der für Hobbys und Freundeskreis vielfach keine Zeit lässt.

shz.de von
erstellt am 24.Okt.2017 | 19:01 Uhr

Der junge Mann, der freundlicherweise einem Besucher den Weg zum Sekretariat zeigt, wirkt richtig gehetzt. Auf dem Flur zieht er eine Stulle aus der Tasche und beißt einen großen Bissen ab. „Tschuldigung“, murmelt er, „aber gleich fängt der Unterricht an.“

Hetze prägt den Alltag der Schüler am Abendgymnasium. Gehetzt wird zwischen Dienstschluss in der Firma und Schulbeginn um 18.10 Uhr in der Elbestraße, im Gebäude des Fördegymnasiums. Die Heimfahrt vom Abendgymnasium, Schulschluss um 22 Uhr – manchmal an die Westküste oder in den Kreis Rendsburg-Eckernförde – geschieht nicht selten wieder unter Druck: Wenn die Familie wartet.

Das Abendgymnasium ist ein Angebot des zweiten Bildungsweges. Es ist bewusst eingerichtet worden als eine kostenfreie Alternative zu einem Fernstudium. Erwachsene, die sich für den Unterricht entscheiden, können die Schulzeit mit der Fachhochschulreife oder dem Abitur beenden. Für die wichtigen Hauptfächer Mathe, Englisch und Deutsch bietet die Volkshochschule sechs Wochen vor den Sommerferien Vorbereitungskurse an.

Für den Besuch des Abendgymnasiums werden keine Gebühren erhoben. In den letzten eineinhalb Schuljahren ist der Bezug von Bafög möglich – unabhängig vom Einkommen der Eltern. Das Geld braucht nicht zurückgezahlt zu werden.

Der Leiter des Abendgymnasiums, Sebastian Bergsma, räumt ein: Die Schüler müssen sich auf eine harte Unterrichtszeit gefasst machen. Der Doppelbelastung von Beruf und Unterricht kommt die Schule durchaus entgegen: durch Verzicht auf Nebenfächer. Hausaufgaben werden während der Woche möglichst vermieden, größere Aufgaben wie Referate auf das Wochenende verlagert.

Trotzdem zeigt eine hohe Zahl von Abbrechern die große Belastung, die viele Schüler nicht durchstehen. So brachte die Schule im vergangenen Jahr 15 Absolventen der Fachhochschulreife und 15 Abiturienten zum Ziel. Freundeskreis oder Freizeit-Aktivitäten bleiben häufig auf der Strecke, berichtet Schul-Chef Bergsma.

Er verweist darauf, dass das Selbstverständnis der Lehrer vom besonderen Charakter der Schule geprägt wird. Die acht Mitglieder des Kollegiums verfügen über dieselbe Ausbildung wie alle Lehrkräfte in der obersten Stufe des Gymnasiums. Sie stehen aber vor einer abweichenden pädagogischen Herausforderung: durch den Unterschied zwischen dem Lernen von Erwachsenen und dem Lernen von Kindern und Jugendlichen. Die Lehrer haben keinen Erziehungsauftrag zu erfüllen, sondern eine Dienstleistung. Sie verhalten sich zu den Studierenden wie Partner, mit denen sie einen Vertrag geschlossen haben – einen Bildungsvertrag.

Die Zugangsvoraussetzungen für den Einstieg in das Abendgymnasium sind vielfältig. Stolz ist die Schule auf ihr Angebot „Deutsch als Zweitsprache“. Es ist einmalig an den Abendgymnasien im Land. Aber auch der Mini-Jobber, der sich bewirbt, hat in Abstimmung mit dem Ministerium die Aussicht auf den höheren Schulabschluss. Sebastian Bergsma: „Wir geben jedem eine Chance.“

Die Voraussetzungen für die Schulzeit am Abendgymnasium:

  • Mindestalter 19 Jahre, eine Altersgrenze nach oben hin gibt es nicht.
  • Vor dem Eintritt müssen Bewerber einen Realschulabschluss (mittlerer Schulabschluss) erworben haben oder einen Abschluss, der diesem gleichgestellt ist.
  • Vorzuweisen ist eine mindestens zweijährige abgeschlossene Berufsausbildung oder eine insgesamt mindestens zweijährige Berufstätigkeit.
  • Als Berufstätigkeit gilt auch die Führung eines Familienhaushalts.
  • Wehr- und Zivildienst sowie soziales Jahr beziehungsweise Bundesfreiwilligendienst  werden auf die Zeit der Berufstätigkeit voll angerechnet.
  • Anerkannte Arbeitslosigkeit kann zum Teil angerechnet werden.
  • Auch Geflüchtete können aufgenommen werden, sofern sie einen mittleren Schulabschluss und Berufserfahrung nachweisen können. Die Anerkennung von Dokumenten übernimmt das Ministerium für Schule- und Berufsbildung in Kiel. Sollten keine Originaldokumente vorliegen, kann eine Anerkennung der Abschlüsse ebenfalls durch das Ministerium geschehen.

Das Abendgymnasium befindet sich  im Gebäude des Fördegymnasiums, in der Elbestraße in Fruerlund.

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