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Autobahnbau 1976 : A7 bis nach Dänemark: Der Norden findet den Anschluss

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Deutschlands längste Autobahn schlägt am 13. Juli 1976 die Brücke nach Skandinavien. Den Kies gab’s am Rande des Weges.

Der Schlagbaum wurde feierlich an die Seite gepackt, dann ging es los: Am 13. Juli 1976 machte sich ein Tross mit Ernst Haar, dem parlamentarischen Staatssekretär des Bundesverkehrsministeriums, und mit Schleswig-Holsteins Innenminister Rudolf Titzck auf den Weg von Tarp nach Handewitt – auf der gerade eingeweihten Autobahn. Es dauerte zwar noch bis 1978, bis eine lückenlose Verbindung – der Abschnitt von Tarp nach Schuby fehlte – nach Hamburg bestand, aber die Grenzregion durfte sich schon einmal als Endpunkt der längsten deutschen Autobahn, der A7, fühlen.

Mehr als eine Dekade der politischen Diskussion und Planungen lag hinter der neuen Infrastruktur. 1963 waren in Bonn und Kopenhagen die Würfel für die Nord-Süd-Autobahn von Hamburg durch Schleswig-Holstein nach Dänemark gefallen. Wirtschaftliche, verkehrswissenschaftliche und touristische Motive hatten die „Autobahn mit Brücken-Funktion“ begünstigt. 1964 entschieden sich die Wegedirektion des Königreichs Dänemark und die Straßenbauverwaltung Schleswig-Holstein nach Besichtigung für den Grenzübergang Fröslee-Ellund. Der Bau der Autobahn von Hamburg bis zur Grenze vollzog sich in neun Abschnitten.

Es regten sich keine kritischen Stimmen, als sich diese breite Fernstraße dem nördlichsten Zipfel der Republik näherte. Selbst dann nicht, als die Baumaschinen durch den Handewitter Staatsforst, das Meynautal oder Treenetal rollten und wertvolle Natur- und Kulturlandschaft zerstörten. Die Autobahn wurde uneingeschränkt als Fortschritt bewertet. Sie brachte deutliche Erleichterungen für Fahrten nach Hamburg, Deutschland und Europa. Noch in den 60er-Jahren mündete ein Abstecher an die Elbe in eine Geduldsprobe, die häufig in Wartezeiten an der alten Rendsburger Klappbrücke gipfelte.

Symbolisch schoben Ernst Haar, parlamentarischer Staatssekretär des Bundesverkehrsministeriums, und Schleswig-Holsteins Innenminister Rudolf Titzck einen Schlagbaum zur Seite.
Symbolisch schoben Ernst Haar, parlamentarischer Staatssekretär des Bundesverkehrsministeriums, und Schleswig-Holsteins Innenminister Rudolf Titzck einen Schlagbaum zur Seite. Foto: sh:z-Archiv/Armin Scheich
 

Das 14,3 Kilometer lange Teilstück von Tarp bis zur Abfahrt an der ebenfalls frisch ausgebauten Nord- und Ostseeverbindenden Bundesstraße 199 entstand von Oktober 1972 bis Juli 1976. 73 Millionen D-Mark kostete die Verkehrsachse, die sich über die Geest schlängelte und im Handewitter Staatsforst eine Waldfläche von zehn Hektar schluckte. Spektakulärer Höhepunkt: Den Garten des alten, nun abgerissenen Forsthauses krönte ein 150 Jahre alter Lebensbaum. Das 18 Meter hohe, seltene Gewächs ragte mitten auf der vorgesehenen Trasse empor, sollte aber unbedingt erhalten werden. Deshalb rückten am 21. Mai 1974 die Autobahnbauer und Bundeswehr-Pioniere an, um den 50-Tonnen-Koloss in stundenlanger Arbeit aus dem Boden zu lösen, in Drahtnetze zu verpacken und in einem stählernen Schlitten zu verschieben. Der Lebensbaum wurde 40 Meter weiter auf den späteren Rastplatz „Altholzkrug“ versetzt und wuchs im feuchten Sommer 1974 gut an.

Der Fernstraßenbau benötigte große Mengen an Kies. Direkt in Handewitt, an der zukünftigen Autobahn-Abfahrt, schufen Bagger einen 100 mal 200 Meter großen Krater. Im Gemeinderat war man sich einig, diese Kiesgrube als Teich zu belassen. Die Kommune stellte einen Antrag auf Ausweisung als Naherholungsgebiet. Es war geplant, das Südufer für Angler und das Nordufer für Schiffsmodellbauer zu reservieren. Bei der Nutzung des Sees entwickelten sich zwischen den Gruppen aber Spannungen. Der Motorenlärm der Modellfahrzeuge vertrug sich nicht mit den Ruhezonen der Fische. Heute ist der See das Vereinsgelände des Angelsportvereins Handewitt.

Abriss: Am 21. Mai 1974 wurde das alte Forsthaus in Altholzkrug abgerissen. Der Grund: die Autobahn.
Abriss: Am 21. Mai 1974 wurde das alte Forsthaus in Altholzkrug abgerissen. Der Grund: die Autobahn. Foto: Manfred Hansen
 

Die Abfahrt Flensburg-Harrislee war die ersten beiden Jahre das Ende der Autobahn. Die letzten vier Kilometer bis zur Grenze fehlten. Am 13. September 1976 lag der Planfeststellungsbeschluss vor. Am 13. Juni 1978 herrschte Völkerwanderung am Grenzübergang. Staatsbesuch hatte sich angekündigt. Die dänische Königin Margrethe II. und Bundespräsident Walter Scheel gaben um 10.55 Uhr die Autobahn und die Passkontrolle in Ellund frei. Um 12.32 Uhr rollte das erste Auto durch den neuen Grenzübergang. Ellund wurde zu einer Drehscheibe des deutsch-dänischen Grenzverkehrs. 1979 passierten 3,2 Millionen Reisende die Kontrollschalter, 1997 satte 16,7 Millionen.

Die B199 wurde zum Autobahn-Zubringer ausgebaut. Der erste Abschnitt sah eine Trasse von Flensburg bis Handewitt vor und sollte in die Raiffeisenstraße münden. Bis zur Vollendung des zweiten Abschnittes nach Meyn – laut Plan zwischen 1975 und 1980 – sollte der Verkehr über die verbreiterte Raiffeisenstraße (L 96) zur B 199 geleitet werden. Ein Konzept, dass die Anwohner von Raiffeisenstraße und Norderkamp auf die Barrikaden brachte. Der gesamte Strom der Nordsee-Touristen wäre durch Handewitt gebrummt.

Eine Bürgerinitiative landete erste Erfolge. Der Durchbruch glückte im März 1974. Zu einer von der SPD einberufenen Bürgerversammlung erschien der damalige Bundesverkehrsminister Lauritz Lauritzen. „Die ursprüngliche Trassenführung ist eine unmögliche Lösung“, sagte er im Gasthof Handewitt und skizzierte den Verlauf einer neuen Strecke, nur 200 Meter von der Autobahn entfernt. Im Juli 1974 begannen in Flensburg die Bauarbeiten am 4,4 Kilometer langen Teilstück, das 22,3 Millionen D-Mark kostete. Im Juli 1976 war es fertig. Die scharfe Kurve vor den Toren Handewitts ist seitdem ein „Denkmal“ des erfolgreichen Wirkens der Bürgerinitiative. Ein Weiterbau des „Sylt-Zubringers“ gen Westen ist nie erfolgt.

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erstellt am 11.Okt.2015 | 08:56 Uhr

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