Interview : Hengameh Yaghoobifarah: Rassismus ist kein individuelles Schicksal

Avatar_shz von 13. August 2021, 17:17 Uhr

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Binär, keine Pronomen: Hengameh Yaghoobifarah, Jahrgang 1991, polarisiert mit Veröffentlichungen.
Binär, keine Pronomen: Hengameh Yaghoobifarah, Jahrgang 1991, polarisiert mit Veröffentlichungen.

Vor der Lesung am Samstag, 14. August, auf dem Museumsberg Flensburg spricht Hengameh Yaghoobifarah im Interview über „Genderung“, dunkle Ecken deutscher Gegenwart und Moin als korrekte Grußformel.

Flensburg | Hengameh Yaghoobifarah, Sie beschreiben sich selbst als „nichtbinäre Person“ und möchten nicht mit Pronomen angesprochen werden. Hier in Flensburg sagt man „Moin“ zur Begrüßung jederzeit, das wissen Sie natürlich, weil sie aus Kiel kommen. Wäre Moin eine angenehme Grußformel für Sie? Und nutzen Sie sie auch anderenorts? Moin ist super, unter anderem auch, weil es Leute nicht gendert. Mit „Moin Hengameh“ kann man nichts falsch machen, auch südlich von Hamburg und nach mittags nicht. Wie beeinflusst die Rahmensetzung – nichtbinär, keine Pronomen – Ihre Kommunikation? Kann man Ihnen auf den Schlips treten, wenn man es nicht besser weiß, diskutieren Sie oder man mit Ihnen? Oder haben Sie Verständnis? Wenn Menschen mich mit „Liebe Hengameh…“ oder „Sehr geehrte Frau Yaghoobifarah“ adressieren, korrigiere ich sie in meiner Antwortmail einfach. Deswegen wäre es wichtig, dass sich genderneutrale Ansprachen wie „Guten Tag Hengameh Yaghoobifarah“ oder „Hallo Hengameh“ oder „Liebe_r…“ oder „Dear…“ weiter verbreiten. Damit sind Leute treffsicher und kommen nicht in die Verlegenheit, andere falsch zu adressieren. Genderung ist keine Quantenphysik. Zum Glück ist es mittlerweile recht üblich geworden, im Erstkontakt auf Genderung zu verzichten, es ist ja auch keine Quantenphysik. Sie lesen in Flensburg aus Ihrem Roman „Ministerium der Träume“. Wie würden Sie die Handlung in drei Sätzen zusammenfassen? Nachdem die in Berlin lebende Türsteherin Nas vom Tod ihrer Schwester Nushin erfährt, ändert sich ihr Leben schlagartig. Sie wird zum Vormund ihrer Nichte Parvin und begibt sich auf der Suche nach der Todesursache in die Vergangenheit. Die Geschichte handelt von Verlust, Wahlfamilie und Zwangsgemeinschaft. Der Aufbau-Verlag beschreibt Ihr Debüt als eines, das auch in dunkle Ecken deutscher Gegenwart vordringt. Welche sind damit gemeint? Gemeint ist die Kontinuität des rechten Terrors, der nicht erst mit dem NSU angefangen hat, sondern Jahrzehnte zurückreicht, unter anderem auch nach Schleswig-Holstein, wo Mölln und Lübeck zwei von vielen Tatorten rassistischer Brandanschläge sind. Am Beispiel vieler anderer Kolleg_innen konnten wir immer wieder dabei zuschauen, mit welcher Doppelmoral und Repression gegen linke Journalist_innen vorgegangen wird. Rassismus ist ein zentrales Thema, über das Sie oft veröffentlichen. Inwiefern hat Sie Ihr Elternhaus, Ihr eigenes Erleben hier geprägt? Rassismus ist, wie auch Antisemitismus, Sexismus oder Homofeindlichkeit, kein individuelles Schicksal, sondern ein strukturelles und institutionelles Phänomen. Als solches sollte es deswegen auch verhandelt werden. Alle rassifizierten Menschen machen in Deutschland Erfahrungen mit Rassismus, aber ihnen zuzuhören ist nur der erste Schritt. Es gibt mittlerweile zahlreiche Geschichten – wann folgen Konsequenzen aus ihnen? Was hat sich für Sie beruflich, vielleicht persönlich geändert, seit Ihrer heftig diskutierten Kolumne vom Juni 2020, in der Sie in einem Gedankenspiel hart gegen Polizisten vorgingen? Ehrlich gesagt nicht viel. Am Beispiel vieler anderer Kolleg_innen konnten wir immer wieder dabei zuschauen, mit welcher Doppelmoral und Repression gegen linke Journalist_innen vorgegangen wird. Dass die Polizei für viele von uns nicht die Quelle des Schutzes, sondern die der Gefahr ist, war ebenfalls schon lange bekannt. Das mag vielleicht abgeklärt klingen, aber das ist es vielleicht auch. Man wird mit der Zeit müde. Worauf können die Besucher Ihrer Lesung in Flensburg besonders gespannt sein? Wer Lust darauf hat, statt des ewigen Schlagabtausches eine literarische Annäherung zu politischen Themen wie rechter Gewalt oder Queerfeindlichkeit zu hören, wird mit ein paar Lachern belohnt werden. Lesung auf dem Museumsberg Flensburg ...

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