700 Jahre Geschichte in zwei Stunden

Erkenne Dich selbst: Stadtführer Ulf Bartelsen ist mit seiner Gruppe ins Halbdunkel der Spiegelgrotte hinabgestiegen. Fotos: gloyer
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Erkenne Dich selbst: Stadtführer Ulf Bartelsen ist mit seiner Gruppe ins Halbdunkel der Spiegelgrotte hinabgestiegen. Fotos: gloyer

Stadtführung für Einheimische und Urlaubsgäste: "Flensburg ist viel mehr als der Altstadtkern" / Westliche Höhe fasziniert

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02. Juli 2013, 03:59 Uhr

Flensburg | "Sie haben sich eine ungewöhnliche Stadtführung ausgesucht, die speziellste", begrüßt Gästeführer Ulf Bartelsen die kleine Gruppe, die sich für die Stadtführung "Ausblicke und Parks" erwartungsvoll vor dem Pastorat am Südermarkt eingefunden hat: "Flensburgs Geschichte in eine Stadtführung zu packen? Völlig unmöglich", sprudelt es aus dem hauptberuflichen Polizisten heraus. Aber: "Dies ist eine meiner absoluten Lieblingstouren", fügt er verheißungsvoll lächelnd hinzu.

Und er legt los, lässt Flensburgs Geschichte in spannenden Facetten vor Ohren und Augen entstehen, verweist auf die ehrwürdige Renaissance-Fassade des Heeschhauses (heute Doc Morris), lässt erahnen, welche Leistung es für das damals 3000 Einwohner zählende Flensburg bedeutete, einen solch imposanten gotischen Bau wie die Nikolaikirche zu errichten. Beiläufig, an Beispielen, die buchstäblich am Wegrand liegen, wie dem Fragment der Stadtmauer, das es hinter dem verwunschenen Geigenbauerhaus zu entdecken gibt, fügt Bartelsen historische Mosaiksteine aneinander, lebendig, in bunten Details.

Dass Flensburg nicht nur eine, sondern zu vielen Themen ganz unterschiedliche Stadtführungen anbietet, überrascht Eckhard Langheim, der aus dem Münsterland mit Ehefrau Petra für zehn Tage in Sterup sein Ferienquartier bezogen hat: "Das hatte ich nicht erwartet".

So, jetzt geht es erst einmal bergauf, vom Südermarkt, auf dem eben noch die Marktstände des Wochenmarktes weggeräumt werden, auf versteckten Treppen und malerischen Wegen Flensburgs Steilhang hinauf. "Ordentliche Höhenmeter", staunt Langheim: "Es ist sehr schön und interessant, wie nach dem Bebauungsverbot dann später außerhalb der Stadtmauer solch ein tolles Stadtbild entsteht", meint er. Über den Südergraben, an der Sauermannvilla, dem prächtigen Rotbacksteinbau des Gerichts vorbei wird der Museumsberg erklommen. Tief liegen Rathausstraße, Stadt und die Weite des Ostufers zu Füßen der Besucher. Ob der Krieg in Flensburg viel kaputt gemacht habe, wird angesichts des Ausblicks gefragt. Bartelsen holt aus, berichtet von der wunderbaren Verschonung der Stadt.

Dann wird es mystisch, denn den Schlüssel für die Spiegelgrotte hat er mitgebracht. "Da bin ich gespannt", flüstert einer der Flensburgtouristen auf dem Stufenweg hinab in den geheimnisumwitterten, halb unterirdischen Raum. "Cool", findet die 13-jährige Berlinerin Annika das ungewöhnliche Erlebnis.

Wenig später ist das grüne Refugium des Alten Friedhofs erreicht. Dämmrige Stille, romantisch träumerische Atmosphäre umfängt die neugierige Schar. Hoch über den Köpfen rauscht der Wind in den Baumwipfeln. Ein Eichhörnchen springt vorbei, als Bartelsen vom Idstedt-Löwen erzählt und vom Reeder Andreas Christiansen, der vom Pavillon seines Gartens aus die Masten der in den Hafen einlaufenden Großsegler beobachtete. "Ein Friedhof auf dem höchsten Platz des Hangs, sehr überraschend", findet das Annikas Vater, der Berliner Rainer Obst: "Die Bäume machen hier den Zauber aus". Flensburg biete eindeutig mehr als den alten Stadtkern. Wie er lässt sich auch das Ehepaar Langheim von der still beredten Schönheit rundum inspirieren. Toll, was Flensburg zu bieten habe: "Ginge man sonst auf einen Friedhof"? freut sich das Paar, sich gerade für diese Tour entschieden zu haben.

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