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Prozess in Kiel : 600.000 Euro im Haushalt von Harrislee – einfach verschwunden?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die ehemalige Kassenleiterin in Harrislee soll fast 600.000 Euro aus der Bargeldkasse der Gemeinde für sich abgezweigt haben. Was sie vehement bestreitet. Der Prozess zieht sich.

shz.de von
erstellt am 11.Jan.2014 | 08:27 Uhr

Alle hatten sich auf die Plädoyers eingestellt – doch der Ende August begonnene Prozess um den rätselhaften Kassenschwund von Harrislee wird wohl noch ein bisschen dauern. Egal wie es endet: eine sehr lange Beratungspause der 34. Strafkammer am Kieler Landgericht zeigte freilich, wohin die Reise geht: Sollte die wegen gewerbsmäßigen Betruges und Untreue in 210 Fällen angeklagte ehemalige Kassenleiterin der Gemeinde verurteilt werden, wird der Fall wohl zum Bundesgerichtshof wandern.

Dafür steht Rechtsanwalt Martin Unger, der gestern nicht zum ersten Mal das Gericht mit einem Antrag in eine Beratungspause zwang. Unger beantragte, einen Sachverständigen für eine komplette Prüfung der Harrisleer Kassenbuchungen zwischen 1999 und 2005 hinzuzuziehen. Offenbar eine harte Nuss für das Gericht. Aus einer halbstündigen wurde am Ende eine vierstündige Beratungspause.

Das ist der Komplexität dieses Falles geschuldet. Die Angeklagte Annemarie F. wird beschuldigt, fast 600 000 Euro aus der Bargeldkasse der Gemeinde für sich abgezweigt zu haben. Was sie vehement bestreitet. Das Geld – tatsächlich fehlen über 2,3 Millionen, aber nur 600.000 wurden aus prozessualen Gründen angeklagt – mag weg sein, befindet sich aber nicht bei ihr. Dem Betrugsverdacht stellt Unger die Behauptung gegenüber, das Geld sei im Dschungel einer chaotischen Buchhaltung einfach im Haushalt verschwunden, wo es immer noch seiner Entdeckung harrt.

Aus diesem Blickwinkel betrachtet ist für den Strafverteidiger die Forderung nach Hinzuziehung eines Sachverständigen zwingend. Es gab zu Beginn des Verfahrens zwar eine Gutachterin, aber die wurde von Unger wegen Befangenheit aus dem Verfahren gekegelt. Die erforderliche Neutralität sah er – und am Ende auch das Gericht – angesichts ihrer Doppelrolle als ermittelnder Kripobeamtin und gleichzeitiger Sachverständigen nicht als nachvollziehbar an. Seither, so Unger gegenüber dem Tageblatt, bemühe er sich vergeblich um eine Neubesetzung der Sachverständigen-Stelle in diesem Prozess. Die Kammer unter ihrem Vorsitzenden Dr. Felix Lehmann begründe die Ablehnung mit dem Argument, das Gericht verfüge über genug eigenen Sachverstand. Aber der Rechtsanwalt hat so seine Zweifel. Ihm geht die Analyse der Buchungen im betroffenen Zeitraum viel zu wenig in die Tiefe, weil sie nur einen Teil erfasst und nicht das Ganze, in dem sich eine ganz andere Erklärung für die Kassendifferenz verbergen könne.

Die Kammer stützt sich auf die Ergebnisse der Stichprobenarbeit des Gemeindeprüfungsamtes, das in die Ermittlungen eingeschaltet wurde. Im Zeugenstand konnten Mitarbeiter verräterische Fehlbuchungen der Angeklagten zuordnen. Aber beweist das auch die kriminelle Energie der Kassenleiterin einer Kämmerei, die gerne mal mit Spickzetteln arbeitete, oder nicht viel mehr eine sträfliche Wurschtigkeit? Unger hätte es lieber gesehen, wenn man die Arbeit der zwischenzeitlich eingeschalteten privaten Wirtschaftsprüfer fortgesetzt hätte. Deren methodischer Ansatz war der einer kompletten EDV-gestützten Auswertung, diese Arbeit sei aber nicht beendet worden. Ein Mitarbeiter der Firma habe im Zeugenstand ausgesagt, die Prüfung habe bis zum Zeitpunkt des Ausstiegs der Wirtschaftsprüfer keine Auffälligkeiten ergeben.

Doch die Kammer ist ganz offenbar der Ansicht, auf diesen Tauchgang in die Tiefe der Harrisleer Finanzen verzichten zu können. Jedenfalls lehnte sie am gestrigen Nachmittag Ungers Antrag erneut mit dem Argument ab, die Kammer verfüge über genügend eigene Sachkunde. Offenbar ist nach dem gestrigen Verhandlungstag auch die 34. Strafkammer der Überzeugung, dass die juristische Aufarbeitung des Harrisleer Kassenlochs mehr Zeit benötigt. Man verständigte sich auf zusätzliche Sitzungstermine bis Ende Januar. Am Montag, 9.30 Uhr, geht die unendliche Geschichte weiter.

 

 

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