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Opfer der Hartz-IV-Reform : 60 Kreuze als Systemkritik

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Berufsaktivist Michael Fielsch aus Berlin will auf dem Südermarkt an die Verlierer der Hartz-IV-Reform erinnern. Er fordert einen gesellschaftlichen Wandel.

shz.de von
erstellt am 01.Sep.2015 | 11:00 Uhr

Flensburg | Silvia W. (39) aus Oberbayern verliert ihren Arbeitsplatz, kann monatelang die Miete nicht zahlen, der Mutter eines dreijährigen Sohnes droht die Zwangsräumung. Am 25. Juni 2006 erdrosselt sie ihr Kind, stürzt sich tags darauf in den Tod aus dem Fenster des achten Stocks. Ihre Geschichte steht auf einem gelben Blatt Papier, das auf einem Pappkreuz angebracht ist. Es eines von 60 Schildern mit Schicksalen, um die Passanten gestern auf dem Südermarkt entweder einen Bogen schlugen oder stehen blieben und lasen.

Initiator der Installation, die durch den Norden zieht, ist Michael Fielsch. Eingeladen wurde er von den Flensburger Linken; auch Attac zählte sich zu den Mitveranstaltern der Aktion. Das Banner, das der Ost-Berliner oberhalb der Treppe von St. Marien aufgehängt hat, benennt die Botschaft: „In Gedenken an die Opfer der Agenda 2010“. Auf der Treppe zu Füßen der Kirche sitzt der eine oder die andere, die mutmaßlich von Hartz IV leben. Und an denen die Welt vorbei geht. Würde man ihnen 1500 Euro geben, würde sich etwas bewegen, sagt Fielsch überzeugt und gibt zu, dass mancher das Geld wohl auch versaufen würde. An anderer Front kämpft er mit Projekten für das bedingungslose Grundeinkommen.

Von der Agenda 2010 gehe eine zerstörerische Kraft für die Gesellschaft aus, findet Fielsch und empfindet das System als erpresserisch, weil es zur Arbeit zwingt – für einen Lohn, der die Arbeit des Menschen nicht würdigt. Er selbst habe sich „erlaubt“, 50 zu werden und auf Lebenszeit in Rente zu gehen, sagt der Systemkritiker und muss sich deshalb den Vorwurf als Schmarotzer gefallen lassen. Vor seiner Verrentung habe er sich immer wieder um Jobs bemüht. Doch niemand sei bereit gewesen, ihm mindestens „1500 Euro netto für 20 Stunden in der Woche“ zu zahlen. Dabei verfüge er über diverse Qualifikationen – etwa als Fahrzeugschlosser für Schienenfahrzeuge oder Telekommunikationselektroniker. Mit dem Einstieg in die Rente – und dem Ausstieg aus dem System – habe er seine Würde wiedergewonnen, sagt der Berufsaktivist mit DDR-Biographie. Eloquent und, wie er es einschätzt, mit Ironie vertritt er seine provokanten Thesen, zunehmend auch in Funk und Fernsehen.

Mitstreiterin Sabine Niemann, 32 und gelernte Einzelhandelskauffrau aus Baden-Württemberg, ist seit fast zwei Jahren in Berlin und „bei Demos dabei, die ich für wichtig halte“. Die Kreuz-Aktion auf dem Südermarkt ist ihr wichtig, deshalb ist sie mitgekommen nach Flensburg. Niemann ist noch nicht ganz so redegewandt wie Mastermind Fielsch und knetet nervös ihre roten Locken, wenn sie freundlich und euphorisch Ziele der Projekte wie „das Konsumverhalten ändern“ formuliert.

„Jedem kann es passieren“, sagt Niemann über die Kreuz-Geschichten und, dass sie Rentner kenne, „die 30 Jahre gearbeitet haben, mit ihrer Rente nicht auskommen und mit Hartz IV aufstocken müssen“. Die Zahl der Opfer der Agenda 2010 könne sie nicht beziffern. Die dramatischen Schicksale aber, an die die Kreuze erinnern, sind wahr und stammen von betroffenen Familien oder aus Zeitungsberichten, weiß Sabine Niemann.

Die Aktion erfahre 90 Prozent Zustimmung, behauptet Michael Fielsch, der Rest kritisiere en passant und lasse sich auf Diskussionen nicht erst ein. Dabei gäbe es auch über die ausgestellten Politiker-Zitate sicher einiges zu reden. Mit ihnen ist eine Seite von Fielschs Berliner Ford-Transporter tapeziert, der auf dem Marktplatz steht. Ein ehemaliger sozialdemokratischer Arbeitsminister hat zum Beispiel gesagt: „Nur wer arbeitet, soll auch essen.“

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